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Ethische Grundfragen

Die Ethik der Lebendigkeit

Interview1: Hanspeter Schmutz Tatkräftige Liebe und Lebendigkeit sind der ethische Massstab für das Entscheiden und Handeln von Christen. Diese ethische Grundorientierung hat der Schöpfer allen Lebens geschenkt. Darum macht diese Ethik nicht nur für Christen, sondern für alle Menschen Sinn. Sie gilt nicht nur am Anfang und am Schluss des Lebens, sondern auch dazwischen.Wie sieht eine solche «Ethik der Lebendigkeit» aus? Und wie kann sie auf die ethischen Fragen der Gesellschaft angewandt werden? Die Theologin und Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit diesen Fragen.

 

Magazin INSIST: Ruth Baumann, wie sieht Ihre Bilanz nach Ihrem 30-jährigen Einsatz für eine «Ethik der Lebendigkeit» aus? Haben Sie Erfolge vorzuweisen oder war das eher ein Kampf gegen Windmühlen?
Ruth Baumann: Es kommt drauf an, wie man Erfolg definiert. Die Frage ist auch auf welcher Verantwortungsebene. Wenn Erfolg gesamtgesellschaftlich heisst, bewusst zu machen, was auf dem Spiele steht, dann ist es mir gelungen, immer wieder auf heikle Punkte aufmerksam zu machen, insbesondere im Umgang mit dem menschlichen Leben. Langfristig gesehen stehen wir aber gesamtgesellschaftlich und weltweit an einem Wendepunkt. Wir orientieren uns immer weniger an der Würde des menschlichen Lebens. Uns ist immer weniger bewusst, dass menschliches Leben nicht einfach Material ist, das wir verbrauchen dürfen. In der Gesetzgebung sind wir daran, die Grundsätze preiszugeben, welche die Gesetze eines humanen, demokratisch verbrieften Rechtsstaats begründen. Von daher führe ich tatsächlich einen Kampf gegen Windmühlen.
Was aber wäre die Alternative? Sich zurückziehen und sich nur noch als Privatperson zu verstehen, wäre das Preisgeben eines Grundengagements für die Lebendigkeit aller Menschen und ihren Anspruch auf ein lebenswertes Leben in unserer Gesellschaft. Genau das steht heute auf dem Spiel. Hier kommt, nur schon von meiner Berufung her, ein Rückzug nicht in Frage. Ich würde mich selber verraten.
Anders hingegen sehe ich die Wirksamkeit meines Engagements auf der Ebene der Organisationen des Gesundheits- und Sozialwesens. Dort ist es mir zusammen mit vielen engagierten Weggefährten gelungen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines bewussten ethisch reflektierten Entscheidens und Handelns zu fördern.

Die monotheistischen Religionen gehen davon aus, dass wir Menschen von einem personhaften Gott geschaffen worden sind und dass dieser Gott den Menschen und das Leben ganz bewusst gewollt hat. Wie wichtig ist diese Voraussetzung für eine «Ethik der Lebendigkeit»?
Unser Leben hängt vor allem auch davon ab, wie wir uns als Menschen verstehen. Letztlich sind wir uns selber ein Geheimnis. Wenn wir nach Erklärungen suchen, wenn wir uns fragen, wer wir sind und was die Bestimmung unseres Lebens ist, gibt es von uns her eine grosse Sprachlosigkeit. Bei der Frage, wie der Mensch eigentlich gemeint ist und wie wir uns verhalten sollen, sind wir auf Geschichten und Erzählungen angewiesen.
Das christliche Menschenbild kann uns Menschen dabei enorm helfen. Es ist ein inklusives Menschenbild, das alle Menschen einschliesst. Es grenzt Menschen nicht aus, weil sie bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten nicht vorweisen können und verbietet jede Diskriminierung. Wir verpassen eine grosse Chance, wenn wir dieses Menschenbild zu wenig nach aussen tragen. Demgegenüber grenzt das dominante Menschenbild unserer heutigen Gesellschaft andere aus. Menschen haben funktionstüchtig, leistungsstark zu sein und genormten, von der Werbung geprägten Schönheitsvorstellungen zu entsprechen. Wir verlieren zunehmend das Gespür dafür, dass Menschsein eigentlich bedeutet, füreinander da zu sein, aufeinander zu schauen und füreinander zu sorgen, wenn es uns nicht gut geht. Das geschieht nur, wenn wir uns nicht an der Illusion orientieren, dass der Mensch immer der Starke und Unabhängige ist. Wir sind auf ein Menschenbild angewiesen, wie das von Jesus verkörpert worden ist: Ein Menschenbild, in dem die Schwäche Platz hat und in dem wir solidarisch sind mit Menschen, die nicht den Idealvorstellungen der Gesellschaft entsprechen.

Der Gegenpol wäre ein materialistisches Weltbild, das den Menschen nur als Produkt des Zufalls und einer langen Entwicklung sieht. Kann man aus diesem Weltbild überhaupt ein «Ethik der Lebendigkeit» entwickeln?
Auch wenn alles nur «Material» wäre, gibt es den Menschen, der willentlich mit diesem Material umgeht. Als Menschen müssen wir handeln und uns entscheiden. Wir können nicht nicht entscheiden und nicht handeln. Selbst wenn wir etwas nicht tun, sind wir unter Umständen sogar dafür verantwortlich. Es stellt sich die Frage, woran wir uns dabei orientieren. Der Materialist setzt voraus, dass sich sein eigener Wille durchsetzen soll. Auch wenn er das menschliche Leben nur als Material sieht, nimmt er sich selber von dieser «Materialisierung» aus. Er versteht sich als Herrscher über das Leben.

Und macht sich damit selber ein Stück weit zu Gott.
Ja, natürlich. Es ist letztlich ein absoluter Machtanspruch, mit dem man so über das Leben verfügen will. Dabei gibt es auch einen Unterschied, ob ich über mein eigenes Leben verfügen oder Macht über das Leben anderer ausüben will. Auch dieser zweite Aspekt ist eng mit dem Materialismus verbunden.

Mit dem Begriff «Ethik der Lebendigkeit» oder «Ethik des Lebens» wird angedeutet, dass das Leben von A bis Z unter einem ethischen Massstab steht, nicht nur am Anfang und am Schluss. Diese Ethik muss immer wieder konkret in eine Situation hinein übersetzt werden. Falls es eine solche Ethik gibt, was wären für Sie ihre Grundzüge? 
In unserer Gesellschaft gilt der Grundsatz, dass der Mensch als Mensch unabhängig von Fähigkeiten und Eigenschaften eine Würde besitzt. Diese ethische Setzung wurde wegen den Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg anschliessend in Form von Menschen- und Völkerrechten weltweit als Grundlage für humane Staaten verbrieft. Menschheitsgeschichtlich ist dies eine grosse Errungenschaft. Seither muss man Menschen zuerst fragen, ob sie das wollen, was man mit ihnen machen möchte. Das gilt auch für medizinische Behandlungen. Jede urteilsfähige Person kann sie jederzeit ablehnen. Wir haben aber nicht nur «Abwehrrechte», sondern auch «Anspruchsrechte», zum Beispiel den Anspruch auf Sorgeleistungen und wohlwollende Zuwendung. Wie ein Mensch auch ist, er ist liebenswert: Er verdient und hat Anspruch auf Liebe und Zuwendung. Wenn wir ohne jede Leistung Anspruch auf Zuwendung und Fürsorge haben, gerade dann, wenn wir uns nicht mehr um uns selber sorgen können, ergibt das ein ganz anderes Zusammenleben. Wir stehen heute in Gefahr, dass wir uns gesellschaftlich immer mehr von diesem Ansatz verabschieden. Wir beginnen zum Beispiel, Krankheit als selbstverschuldet zu definieren. Die grundsätzliche Solidarität untereinander, auf die wir alle angewiesen sind, wird schon fast als etwas Altertümliches gesehen.

Für Christen ist Christus die leitgebende Person. Was trägt er bei zu einer «Ethik der Lebendigkeit»?
Er zeigt mit seinem Menschenbild, dass wir andern zur Last fallen «dürfen». Wir dürfen uns fallen lassen und darauf zählen, dass andere uns tragen, wenn wir nicht mehr zu uns selber schauen können. Diese Last sollen die Sorgefähigen fair untereinander aufteilen und fair zwischen den Sorgebedürftigen verteilen. Das gehört zum Kern der christlichen Botschaft.

Ein Stück weit können wir also bei Jesus abschauen, was eine «Ethik der Lebendigkeit» bedeutet?
Ja, Jesus ist ein Vorbild dafür. Wir brauchen Vorbilder. Und es fragt sich, an welchen Vorbildern wir uns als Gesellschaft orientieren wollen. Ist es nur die junge, unabhängige, starke, wunderschöne Frau, die zugunsten ihrer Schönheit vielleicht sieben Mal operiert worden ist? Oder stellen wir uns der Realität, dass wir nicht nur unabhängig sind, sondern auch abhängig und aufeinander angewiesen? Gerade wenn wir uns in Situationen begegnen, in denen es uns nicht so gut geht, erleben wir oftmals Sinn. In diesen Beziehungen erleben wir ganz andere Formen des Menschseins als wenn wir nur «funktionieren».

Gerade unter Christen beschränkt sich die ethische Diskussion oft auf den Anfang und den Schluss des Lebens. Es geht um den Schwangerschaftsabbruch oder die bewusst gewählte Selbsttötung. Die «Ethik der Lebendigkeit» betrifft aber auch die Spanne zwischen Anfang und Schluss des Lebens. Warum ist es wichtig, dass man auch diesen Teil des Lebens in den Blick bekommt? 
Das Leben ist zu jedem Zeitpunkt immer gleich wichtig. Es geht um eine Grundhaltung. Wenn ich sehe, wie sich Menschen gegenüber nicht-menschlichem Leben verhalten, gegenüber Tieren und Pflanzen, dann zeigt sich hier eine Haltung des Verbrauchens. Wir verbrauchen die Natur, ohne uns um die Folgen zu kümmern. Das zeigt sich etwa beim Klimawandel.
Diese Grundhaltung übertragen wir zunehmend auch auf das menschliche Leben. Wir führen unser Leben so maximal und effizient wie möglich. Dieser Verbrauchsmentalität folgen wir über die ganze Lebensspanne hinweg. Bei der Präimplantations-Diagnostik wird der Embryo im Reagenzglas bei Reihenuntersuchungen, so genannten Screenings, zum Beispiel getestet auf die mögliche Anfälligkeit für eine Krankheit oder Behinderung, vielleicht auch erst in einer späten Phase des Lebens. Führen wir diese Untersuchungen durch, ohne direkt von einer schweren genetischen Erkrankung betroffen zu sein, folgen wir der Vorstellung, dass wir einen idealen Menschen schaffen oder züchten können. Gegenüber den zahlreichen Embryonen im Reaganzglas, die nach irgendwelchen Kriterien aussortiert werden, nehmen wir dann eine Verbrauchshaltung ein. Dabei stellen sich Fragen wie: Nach welchen Kriterien sortieren wir aus? Und was geschieht mit den aussortierten Embryos? Mit diesen unterstützen wir dann die bereits heute mögliche «verbrauchende» Embyronenforschung. Dabei kann man Zellen von Embryonen ablösen, um sie für die Stammzellenforschung zu benutzen. Bereits ist es zu Eingriffen ins menschliche Genom an Embryonen gekommen, also in die Gene eines Menschen; das sind irreversible Eingriffe in Menschen, die generationenübergreifende Konsequenzen haben. Sobald wir so genannt «überzählige» Embryonen in Kauf nehmen, schaffen wir damit die Voraussetzungen für solche Eingriffe. Wir wollen alles instrumentalisieren, kontrollieren und im Griff haben. Daraus können – wie beim Klimawandel – viele Probleme und unmenschliche Entwicklungen entstehen. Obwohl wir die Probleme sehen, nehmen wir den Klimawandel nicht ernst. Das Muster dieser Verbrauchshaltung übertragen wir auch auf unsern Umgang mit dem menschlichen Leben. Während wir uns aber gegenüber dem Klimawandel zumindest noch anders verhalten und entscheiden können, ist dies nach dem Eingriff ins Genom des Menschen nicht mehr möglich. Damit machen wir zukünftige Generationen zu Gefangenen der Wertvorstellungen von heute.

Papst Johannes Paul II. sprach von einem Kulturkampf: Für ihn stand eine Kultur des Lebens einer Kultur des Todes gegenüber. Kann man das so krass sagen?
Eine so starke Gegenüberstellung wird der Komplexität der modernen Entwicklung nicht gerecht. Wir stehen bei diesen Fragen immer wieder auch vor ethischen Dilemmas, bei denen sich gleichgewichtige Werte gegenseitig ausschliessend gegenüberstehen. Sobald es um einen «Kampf» geht, schwingt auch eine gewisse Gnadenlosigkeit mit. Ich spreche lieber von einem Ringen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich aus einem inneren Ringen heraus dafür entscheiden, nicht alle Möglichkeiten der Neugeborenen-Medizin auszuschöpfen und ein Kind sterben zu lassen. Bei solch komplexen Entscheidungen genügt dieser einfache Gegensatz nicht.
Ich rede deshalb lieber von einer «Ethik der Lebendigkeit». Eine Lebendigkeit, die uns in Begegnungen und Beziehungen geschenkt wird. Diese «Lebendigkeit» soll in solch schwierigen Entscheidungssituationen das Kriterium sein.

Wir stimmen in der Schweiz immer wieder über Fragen ab, bei denen es um die «Ethik der Lebendigkeit» geht. Dabei kann diese Ethik in die Minderheit versetzt werden. Leben wir also in der Schweiz sozusagen unter der «Diktatur» der 51% von Stimmenden, die gewonnen haben?
Die Demokratie kann tatsächlich demokratisch zum Beispiel eine Diktatur einführen und so ihre eigenen Voraussetzungen verabschieden. Eine dieser Voraussetzungen ist der Anspruch aller auf Würde, Integrität und Leben. Solche Grundansprüche können mit Mehrheitsentscheiden für einzelne Menschengruppen relativiert werden. Das ist eine Grenze der Demokratie. Die Mehrheit hat nicht immer Recht.
Es fragt sich, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft, in der die Menschen ganz unterschiedliche Zugänge zum Umgang mit dem Leben haben, Voraussetzungen schaffen können, die es verhindern, dass bestimmte Menschengruppen plötzlich ausgeschlossen werden. Alle Menschen haben – auch wenn sie schwerstbehindert sind – Anspruch auf einen Platz in unserer Gesellschaft.
Die Ansprüche an die Menschen, die erfüllt werden müssen, um diesen Platz zu erhalten, steigen immer mehr. Wir müssen heute vor allem funktionieren. Viele Jugendliche finden keine Lehrstelle mehr, nicht weil es zu wenige Lehrstellen hat, sondern weil die Ansprüche für diese Lehrstellen steigen. Die Gesellschaft wird immer selektiver: Sie lässt nur noch Leute zu, die möglichst optimal oder sogar maximal funktionieren. Man wundert sich dann und fragt sich, warum unsere Sozialkosten dauernd steigen.
Diese Selektions-Dynamik gibt es am Anfang und zunehmend auch am Ende des Lebens. Wir leiden ganz generell darunter. Burnouts sind nicht zufällig so weit verbreitet. Der Selektions-Mechanismus wird immer enger und lässt immer weniger Platz für die «Ungenügenden».

Für solche Zusammenhänge müsste man die Menschen vor einer Abstimmung sensibel machen.

Wir müssten unsere politischen Debatten dringend anders führen. Wir sollten uns nicht von Anfang an auf unterschiedlichste absolute Positionen versteifen, sondern uns zuerst mal fragen, was eigentlich auf dem Spiel steht. Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben wollen? Welche Ansprüche haben wir an sie?
Dabei gibt es Grundansprüche wie den Kontakt zur Natur, sauberes Wasser oder das Anrecht auf Zuwendung und Beziehung. Von diesen Grundansprüchen her sollten wir uns gemeinsam fragen, wie eine Gesellschaft aussehen muss, die für Menschen sorgt, die selber dazu nicht mehr in der Lage sind. Wir sollten auch darüber nachdenken, was wir selber brauchen, wenn wir unser Leben als lebendig erfahren wollen. Und ebenso über die Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, damit sich Menschen um andere Menschen sorgen können. Dann kommen wir zu andern Gesellschaftsentwürfen. Heute orientieren wir uns an der maximalen Leistungsfähigkeit und Effizienz. In einem solchen gesellschaftlichen Klima wird es immer schwieriger, Sinn zu erfahren. Es ist kein Zufall, dass wir in der Schweiz eine dermassen hohe Suizidrate haben – bei den jungen Menschen, aber auch bei den Älteren. Das hat damit zu tun, dass die Funktionalitäts-Schraube immer stärker angezogen wird.

Die Abtreibung eines werdenden Kindes gehört im Grundsatz sicher einmal zu einer «Kultur des Todes». In der katholischen Ethik ist die Abtreibung sehr präzise definiert: Es ist jede Verhütungsmethode, die werdendes Leben abtötet. Dazu gehören gängige Verhütungsmittel wie die Spirale und natürlich auch die «Pille danach».
Nun gibt es in den Ländern des Südens das Problem der «Überbevölkerung». Hier müsste man eigentlich für eine bewusst gesteuerte Familienpolitik eintreten, notfalls auch mit Verhütungsmitteln. Bei uns stellt sich die Frage der Verhütungsmittel eher beim gedankenlosen Umgang mit der Sexualität. Was hat eine «Ethik der Lebendigkeit» in diesem Spannungsfeld zu sagen?

Wir müssen ethisch unterscheiden zwischen dem Unterlassen von lebenserhaltenden Massnahmen und einer aktiven Tötung von werdendem Leben. Die Anwendung einer Spirale ist von daher nicht dasselbe wie der Eingriff in den Körper einer Frau bei einem Schwangerschaftsabbruch. Es ist aber hoch problematisch, wenn wir uns auf das Individuum, die einzelne Frau fokussieren und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ausblenden. Was bieten wir in unserer Gesellschaft einer Frau an, damit sie eine Familie haben und diese mit dem Beruf verbinden kann? Welchen Wert geben wir einem Kind? Heute versuchen wir einerseits, in einem Kontrollwahn und völlig illusorisch ein Kind so zu «produzieren», dass es unseren Vorstellungen entspricht. Auf der andern Seite geben wir den Kindern und Familien immer weniger Lebensraum. Wenn eine Frau ein schwerbehindertes Kind abtreibt, muss man berücksichtigen, unter welchen gesellschaftlich notvollen Umständen sie das tut. Es ist einfach, mit dem Finger auf eine solche Frau zu zeigen und gleichzeitig nicht dafür zu sorgen, dass diese Frau in unserer Gesellschaft mit ihrem schwerbehinderten Kind ein lebendiges Leben führen kann.
Es gibt heute eine unfaire Verteilung von Sorgeleistungen. Sie werden einseitig von Frauen erbracht. Und zudem immer mehr privatisiert, etwa unter dem Begriff «ambulant vor stationär». Das führt in unserer Gesellschaft zu einer schleichenden Entsolidarisierung.
Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der die Menschen den Mut zum Leben haben, auch den Mut, Kinder zur Welt zu bringen. Dort müssen wir ansetzen. Sonst verlieren wir uns in Kämpfen, die seit Jahrhunderten geführt werden und verpassen es, die entscheidenden Fragen zu stellen und die notwendigen gesellschaftlichen Entwicklungen voranzutreiben.

Heute werden hoch spezialisierte Medikamente entwickelt, etwa gegen Hepatitis C — die chronische Schädigung der Leber – oder Medikamente gegen Krebs. Diese Medikamente sind enorm teuer. Da stellt sich die Frage, wie teuer ein Medikament sein darf, das — gerade auch bei älteren Menschen – das Leben verlängern kann. Zur Zeit geistert ein Grenzwert von 100’000 Franken pro Lebensjahr durch die Medien. Ist das eine sinnvolle Anwendung der «Ethik der Lebendigkeit»?

Bei den 100’000 Franken, die auf ein Bundesgerichtsurteil zurückgehen, wurde nicht das menschliche Leben bewertet, sondern das Verhältnis der Wirkung eines Medikamentes zur Zeitspanne.
Die Kernfrage heisst aber: Warum sind diese Medikamente so teuer? Wenn wir sehen, wie hoch die Gewinnmargen im Pharmabereich sind, ist zu fragen, ob diese Preise gerechtfertigt sind. Krebsmedikamente sprengen zur Zeit jedes Budget einer Behandlung in den Spitälern. Dabei haben die horrend teuren Medikamente zum Teil nur einen ganz kleinen Zusatznutzen. Da geht es auch um Gerechtigkeit und Solidarität. Wie setzen wir die Medikamentenpreise in unserm Staat fest? Wie gehen wir mit medizinischem Fortschritt um? Wie setzen wir die Prioritäten in der Forschung? Investieren wir dort, wo am meisten Geld verdient werden kann oder dort, wo es am meisten Leid gibt? Darüber müssen wir uns verständigen.
Zur Zeit orientieren wir uns im Gesundheitswesen vor allem einseitig an den finanziellen Gewinnmöglichkeiten. Damit verlieren wir den Grundauftrag des Gesundheitswesens, den Menschen zu einem guten Leben und zu einem guten Sterben zu verhelfen, zunehmend aus den Augen.

Heute muss alles möglichst effizient sein. Dieses Denken scheint typisch zu sein für unsere Gesellschaft. Wo und wie müssen wir umdenken, um eine «Kultur der Lebendigkeit» zu fördern?
Eine Kultur der Lebendigkeit orientiert sich nicht einseitig an der Formel «Maximale Funktionalität = gut». Sie fragt vielmehr, was es braucht, dass Menschen ihr Leben als sinnvoll erleben können; sie fragt nach Räumen und Beziehungen, in denen sich Sinn ereignen kann. Die Funktionalität gehört auch zum Leben. Wir alle wollen einen Körper, der sich gut anfühlt. Das heisst aber nicht, dass Menschen mit Einschränkungen ihr Leben als weniger sinnvoll und wohl empfinden müssen. Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung nehmen sich viel weniger das Leben als sogenannt «gesunde» Menschen. Das müsste uns eigentlich zu denken geben.
Um uns lebendig zu fühlen, brauchen wir mehr als Funktionalität. Vieles davon können wir nicht kaufen. Dazu gehört das Staunen über die Natur, die Freude in einer Beziehung, das gemeinsame Feiern, die Erfahrung von Liebe, das Lachen eines Kindes – auch das Lachen eines dementen Menschen – und alle sinnlichen Erfahrungen. Diese Spuren führen zu Lebendigkeit und Sinn. Daran schliessen sich Fragen an wie: Was heisst das konkret für Menschen, die auf die Fürsorge anderer angewiesen sind? Was brauchen sie, damit sich in ihrem Leben Sinn ereignen kann? Was heisst das für unser eigenes Leben? Wann fühlen wir uns lebendig?

Wie können Christen, christliche Politiker und Kirchen dieses Umdenken fördern?
Unsere grosse Chance ist, dass wir das Menschenbild von Christus in unsere plurale Gesellschaft, die kein verbindliches Menschenbild mehr haben darf, bewusst einbringen können. Unsere Welt braucht das integrative Menschenbild von Jesus, das Menschen nicht ausschliesst. Wir alle tragen Bilder in uns, wie der Mensch sein soll. Wir haben die Aufgabe, ein Menschenbild zu vertreten, das allen Menschen ein gutes und lebendiges Leben ermöglicht.

1 Grundlage des Interviews ist der Zoom-Talk auf Radio Life Channel vomv22.4.15, www.lifechannel.ch

Die Medizinethikerin Dr. theol. Ruth Baumann-Hölzle istMitbegründerin und Leiterin von «Dialog Ethik», dem InterdisziplinärenInstitut für Ethik im Gesundheitswesen. Sie studierteTheologie in Zürich und Genf und war von 1984 bis 1986 mit einemForschungsstipendium an der «Harvard Divinity School» inCambridge (MA) und am «The Hastings Institute» in New York(NY) tätig. Für ihre Dissertation «Human-Gentechnologie undmoderne Gesellschaft» (siehe S. 41) hat sie 1991 den Hauptpreisdes Stehr-Boldt-Fonds der Universität Zürich, eine Auszeichnungfür interdisziplinäre Forschung im Bereich der Medizin, erhalten.Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied der Nationalen Ethikkommissionim Bereich Humanmedizin. Sie begleitet und unterstützt Organisationendes Gesundheits- und Sozialwesens beim Entwickelnund Aufbauen von Ethikstrukturen. www.dialog-ethik.ch

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