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Lebenserfahrungen

Ich gebe dir das Leben: sei lebendig!

Dorothea Gebauer Durch das Werk der bekannten Psychologin Simone Pacot zieht sich eine mutmachende Botschaft: Die Freiheit ist eine wunderbare Gabe, die jeder Frau und jedem Mann geschenkt ist. Wir können das Leben wählen und dem Tod absagen.


Simone Pacot macht als Kind zwei wichtige Erfahrungen: Mit neun und vierzehn lernt sie Gott kennen. In Marokko, wo sie geboren wurde, macht sie sich als erwachsene Frau und Anwältin entlang den Aussagen der Seligpreisungen für die Versöhnung zwischen Juden, Christen und Moslems stark. Dann wendet sie sich der Psychologie zu. Eine Wissenschaft, von der sie annimmt, dass diese «die einzige sichere Basis» sei.

Bis in die Tiefen des Herzens freiwerden
Durch die Begegnung mit einem Ehepaar der episkopalischen Kirche1 hört sie zum ersten Mal vom Begriff der «Inneren Heilung». Sie lernt das Zusammenspiel von Psychologie und Spiritualität kennen. Es leuchtet ihr ein, dass diese Bereiche zusammengehören und sie beginnt, sich auch eigenen Verstrickungen zu stellen. Doch sie fühlt sich nach wie vor gefesselt, kommt von Schuldgefühlen nicht los. Schliesslich lernt sie charismatische Bewegungen kennen. Sie hört zum ersten Mal, dass der Heilige Geist sehr lebendig in jedem Menschen wohnen und mit ihm sprechen kann. Bei Ignatius von Loyola versteht sie die Unterscheidung der Geister und hört von der Möglichkeit, den Willen einzusetzen. Man kann ihre Erfahrungen so resümieren: Falsche Wege, die jemand einschlägt, sind nicht nur psychologisch schädlich. Sie sind grundlegende Übertretungen dessen, was man Leben nennt. Lebensgesetze zu würdigen, heisst, dem lebensspendenden Wort der Bibel zu folgen. Es heisst, dass ich eine Richtungsänderung vornehmen, meine destruktiven Wege verlassen und, geleitet von diesem Wort, neue Wege einschlagen muss. Solche, die zum Leben führen. Dies entfaltet Simone Pacot in drei Büchern2, davon trägt eines den Titel «Evangelisierung bis in die Tiefen des Herzens».

Das Gesetz des Lebens und des Todes
Was ist ein Lebensgesetz? Zunächst muss von den Gesetzen des Todes gesprochen werden: «Du kannst nur das Leben wählen, wenn du dich von jeglichem geheimen Einverständnis mit dem Tod lossagst», nennt Pacot ein erstes Lebensgesetz. Es reicht nicht, einfach am Leben zu sein. Es reicht nicht, hin und her zu schwanken zwischen Leben und Tod, zwischen Freiheit und Rückkehr in die Sklaverei. «Wählt das Leben!» sagt Gott dem hebräischen Volk. Die tödlichen Botschaften können dabei ganz fromm verkleidet sein. Man kann Verse aus der Bibel, so Pacot, in falscher Weise mit dem Tod verbinden. Auf der andern Seite gehören Lebensgesetze nicht in den Bereich bornierter Gesetzlichkeit. Den Weg des Todes kann man nur dann verlassen, wenn man ihn kennt, wenn man ihn in Worte gefasst hat.
Was sind Wege des Todes? Etwa, dass man seine innere Freiheit zugrunde richtet, seine echtesten Sehnsüchte nicht ernst nimmt und deshalb unangebrachte Mitgefühle oder Schuldgefühle mit sich trägt. Oder es kann sein, dass man zum Helfershelfer der Unordnung eines anderen wird. Sehr anschaulich sind Beispiele aus der eigenen seelsorgerlichen Praxis, die Pacot nennt, wo es um heimliche Komplizenschaft oder ums Flirten mit dem Tod geht. Was sie dagegen stellt, ist dann voller Hoffnung: Es ist möglich, Ägypten zu verlassen. Die Gnade Jesu gibt die Kraft, von seinem Bett aufzustehen und aufzubrechen ins freie Land.

Ich bin Mensch, nicht Gott
Das zweite Lebensgesetz spricht davon, dass wir bereit sein sollen, unsere menschlichen Daseinsbedingungen anzuerkennen. Weder bin ich Gott, noch kann ich auf ihn verzichten. Es gibt menschliche Grenzen: Ich werde sterben. Es gibt Grenzen in meiner Person. Neben der Herausforderung, dies anzuerkennen und möglicherweise zu betrauern, gibt es im Gegensatz dazu auch Allmachtswünsche: zumindest den, die Welt möge vollkommen sein, ohne Versagen, ohne Tod.
Beim Anerkennen der menschlichen Daseinsbedingungen kann es nicht darum gehen, sich herabzumindern, unter dem Vorwand, dass «man halt» Grenzen habe. Nein, aktive Annahme heisst nicht Resignation. Das wäre wieder eine Bewegung hin zur Traurigkeit und Ohnmacht. Die Frage «Was kann ich daraus machen?» macht aus dem, was mir widerfährt, ein Sprungbrett ins Leben und kein Grab, in dem ich erstarre. Allerdings ist die Annahme der Wirklichkeit ohne Abstriche mit allen Licht- und Schattenseiten die erste Frucht einer langwierigen Trauerarbeit. Erst dann kann ich das Unerwartete empfangen, die Arbeit der Auferstehung und die Osterfreude kennenlernen, so Pacot. Das geschieht in enger Kooperation mit dem Heiligen Geist, was nicht bedeutet, dass er uns erspart, das zu wollen, was wir wollen. Hier ist die Autorin sehr klar: Der Mensch muss sich in Bewegung setzen, Initiativen ergreifen, Entscheidungen treffen. Es gibt dabei zuweilen auch ein Zurückschrecken vor der eigenen Intelligenz, die sie Faulheit nennt.

Die eigene Unterschiedlichkeit auf sich nehmen
Das dritte Lebensgesetz entfaltet die Einzigartigkeit der Person, sowohl der eigenen als auch der anderen. Stark ist Pacot in den Passagen, in denen sie Übergriffigkeit attackiert und betont, wie wichtig es sei, Grenzen zu würdigen und Distanzen zuzulassen. Da sei es genauso schlimm, sich von einem Menschen verschlingen zu lassen, wie ihn zu verschlingen. «Es ist dir untersagt, deine Identität mit der eines anderen zu vermischen.» Mit Nachdruck habe Gott uns aufgerufen, einen Weg der Reife, der Differenzierung zu wählen und die «Unterschiedlichkeit auf sich zu nehmen». Es sei wichtig, das eigene Mass herauszufinden, ohne Nachlässigkeit, ohne sich aufzublasen oder zu verleugnen. Sie betont: «Du bist nach dem Bilde Gottes geschaffen. Niemand wird je du sein. Hüte dich davor, in die Falle der Selbstabwertung zu gehen. Dies ist ein Weg des Todes, eine Weigerung zu leben.» Der Weg in die andere Richtung ist nicht leicht: Möglicherweise verliere ich dabei einen Sekundärnutzen, beispielsweise den der Passivität. Möglicherweise verliere ich den scheinbaren Frieden im Miteinander. Es kann sein, dass ich dafür ein neues Verhalten, das der Freiheit dienlich ist, eintrainieren muss.

Wir sind ein Ganzes
Das vierte Lebensgesetz besagt, dass wir eine Gesamtheit sind: Körper und Psyche (Emotionen, Gefühle, Affektivität, Fähigkeiten) sind eins. Was können Versuche sein, dieser Einheit zu entfliehen? Man hört mit der Arbeit an sich selbst zu früh auf, negiert, dass man eine Geschichte hat. Man bleibt der Sprache des Körpers gegenüber taub. Eine Heilung des ganzen Menschen gelingt, so Pacot, wenn wir unsere innere Welt vollständig der Gegenwart Christi und dem Heiligen Geist gegenüber öffnen. In der Herzenstiefe darf nichts verleugnet, ausradiert werden. Wer von seiner Herzenstiefe her lebt und diese nicht geschlossen hält, wird erfahren, dass von dort her alles mit dem Rest des Organismus in Verbindung gebracht werden kann: Psyche, Körper, Welt und Alltag.

Leben heisst Leben weitergeben
Die Fruchtbarkeit ist das fünfte Lebensgesetz. Fruchtbarkeit ist das Leben selbst und Früchte sind dazu da, verteilt und verschenkt zu werden. Wenn wir sie in einer Ecke liegen lassen, verfaulen sie. Der Diener, der im bekannten Gleichnis seine Talente vergraben hat, ist in einer Todesfalle. Er hat sich der Passivität, der Resignation ergeben. Sein Leben ist unfruchtbar geworden. «Wir aber werden uns nicht in den Gewissensbissen, in der Selbstverdammung zu Tode langweilen und dabei einen zweiten Tod zum ersten hinzufügen!» sagt Pacot ganz programmatisch. Was macht das Lesen der Werke von Pacot so attraktiv? Vielleicht spürt man die Richterin und Seelsorgerin, die uns mit grosser Klarheit Bedingungen eines aufrechten und selbst verantworteten Lebens vor Augen stellt. Die von Gott versprochene Befreiung ist keine Poesie, sie ist konkrete Realität, die in unser Leben einbrechen will.

1 Zweig der anglikanischen Kirche
2 Hauptquelle dieses Beitrags: Pacot, Simone. «Steh auf und lebe! Leben aus der Kraft des Evangeliums.» Paulus Verlag

 

Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin.
dorothea.gebauer@STOP-SPAM.insist.ch 

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