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Präimplantationsdiagnostik

Wider die Selektion von Menschen

Dirk Meisel Bundesrat und Parlament haben Volk und Ständen am 14. Juni eine Verfassungsänderung zur Abstimmung vorgelegt: In Zukunft sollen im Reagenzglas so viele Embryos entwickelt werden dürfen, wie «für die medizinisch unterstützte Fortpflanzung notwendig sind», das heisst im Klartext: beliebig viele. Dieser scheinbar harmlose Satz macht den Weg frei für die Präimplantationsdiagnostik (PID) — und für unbegrenzte Gentests an Embryonen. Das Gesetz zur PID ist im Parlament bereits verabschiedet worden1 und tritt umgehend in Kraft, wenn ihm am 14. Juni kein Riegel geschoben — oder anschliessend das Referendum dagegen ergriffen wird.

 

Was ist PID?
Präimplantationsdiagnostik (PID) ist die genetische Untersuchung eines durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryos vor der Einpflanzung in die Gebärmutter. Dabei werden jedem Embryo 1 bis 2 Zellen entnommen und im Labor nach gewissen Eigenschaften untersucht. So kann festgestellt werden, ob der Embryo eine Erbkrankheit oder eine Fehlbildung aufweist. Nur die «gesunden» Embryonen werden der Mutter anschliessend eingepflanzt oder als Reserve eingefroren – die «fehlerhaften» werden vernichtet.
Der Bundesrat hatte in seinem ursprünglichen Entwurf für ein revidiertes Fortpflanzungsmedizingesetz die Untersuchung des Erbguts von Keimzellen und Embryonen sowie deren Auswahl via Präimplantationsdiagnostik (PID) lediglich dann zulassen wollen, wenn eine schwere Erbkrankheit anders nicht abgewendet werden kann.

Das Parlament will mehr
Das Parlament hat im Dezember 2014 die Möglichkeiten der PID massiv ausgeweitet: Nicht nur erblich vorbelastete Eltern (50-100 Fälle pro Jahr), sondern alle Paare, die auf eine künstliche Befruchtung zurückgreifen (ca. 6000 Fälle pro Jahr), sollen Zugang zur PID erhalten. Weiter soll auch die Untersuchung nach Chromosomenanomalien erlaubt werden. Grundsätzlich können so in Zukunft alle ausserhalb des Mutterleibes gezeugten Embryonen mit allen technisch zur Verfügung stehenden Gentests im Reagenzglas untersucht und selektioniert werden. Es wird dann Embryonen mit «erwünschtem» Erbgut geben, die entweder der Mutter eingepflanzt oder aber tiefgefroren werden. Embryonen mit «unerwünschtem» Erbgut werden in Zukunft als Folge dieses Gesetzes im Labor ausgesondert und vernichtet.
Ein überparteiliches Komitee «NEIN zur PID» lehnt diese Änderungen und ihre Konsequenzen entschieden ab und ist deshalb am 14. Juni gegen die Verfassungsänderung angetreten. Zum Komitee gehörten Vertreter von BDP, CVP, EDU, EVP, SP und SVP. Es hatte Ende März unter der Leitung der EVP seine Kampagne gegen die PID lanciert und steht auch bereit, um das Referendum gegen das neue Gesetz zu ergreifen.

Mögliche Anwendungen

Einmal eingeführt, ermöglicht die Präimplantationsdiagnostik unterschiedlichste Anwendungen:

  • Bei Paaren mit Veranlagung zu schweren Erbkrankheiten können gesunde Embryonen für die Einpflanzung ausgewählt werden.
  • Das Chromosomen-Screening ermöglicht es, zufällig auftretende genetische Veränderungen (wie z.B. Trisomie 21) festzustellen und auszuschliessen.
  • Für kranke Geschwister, die eine Stammzellentransplantation benötigen und nicht auf geeignete Spender zurückgreifen können, kann durch PID ein «Retterbaby» mit grosser genetischer Übereinstimmung zum erkrankten Geschwister ausgewählt werden. Nach der Geburt werden der Nabelschnur Stammzellen entnommen und transplantiert. Die Zulassung von «Retterbabys» wurde im Parlament bereits diskutiert, fand jedoch noch keine Mehrheit.
  • Auch die Untersuchung nach gewünschten Auswahlkriterien wie zum Beispiel nach Geschlecht, Augen- und Haarfarbe oder körperlichen Eigenschaften sind mit der PID möglich. Diese Option des «Designerkindes» nach den Wünschen der Eltern wurde im Zusammenhang mit der Revision des FMedG in der Schweiz nicht diskutiert, ist im Ausland jedoch teilweise bereits gängige Praxis.


Weitreichende Konsequenzen
Die zur Abstimmung stehende Verfassungsänderung erscheint auf den ersten Blick kaum relevant, stellt jedoch einen Paradigmenwechsel dar: Die neue Möglichkeit, so viele Embryonen zu entwickeln, wie sie für die medizinisch unterstützte Fortpflanzung nötig sind, würde zu einer grundlegenden Änderung im Umgang mit dem beginnenden menschlichen Leben führen. Man könnte so genannte überzählige Embryonen erzeugen. Diese Möglichkeit öffnet das Tor für jegliches künftig denkbare Fortpflanzungsverfahren.
Tausende «überzählige» Embryonen werden vernichtet oder «verbraucht»
Der geplante Verfassungsartikel2 ist so offen formuliert, dass es künftig faktisch keinen Embryonenschutz mehr gibt. Mit dieser Änderung wird Absatz 1 des geltenden Artikels 119 in der Bundesverfassung «Der Mensch ist vor Missbräuchen der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnologie geschützt» zur Makulatur. Die nachfolgende Gesetzesrevision (rFMedG) erlaubt und regelt das künftige Einfrieren von Embryonen (Kryokonservierung). Vorsichtig hochgerechnet können dann jährlich bis zu
36’000 Embryonen3 entwickelt und tiefgefroren werden. Spätestens nach 10 Jahren müssen diese jedoch aufgetaut, vernichtet oder durch die Forschung verbraucht werden.

Selektion zwischen «lebenswerten» und «lebensunwerten» Menschen

«Die PID ist ganz klar ein Instrument der Selektion zwischen wertvollem und vermeintlich minderwertigem Leben», machte EVP-Nationalrätin und -Parteipräsidentin Marianne Streiff-Feller an der Medienkonferenz des nationalen Komitees zur Lancierung der NEIN-zur-PID-Kampagne deutlich. Kinder zum Beispiel mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) werden bei der Untersuchung nach Chromosomenanomalien vor dem Einpflanzen in den Mutterleib selektioniert und vernichtet. Dieser Entscheid über lebenswerte und «lebensunwerte» Menschen würde mit der PID künftig ins Labor verlagert. Selbst Bundesrat Alain Berset hatte vor beiden Räten deutlich vor der Gefahr der «Selektion» und den «eugenischen Tendenzen»4  dieser Untersuchungsmethoden gewarnt. «Rechtsordnung und Medizin sollen auf die Heilung kranker Menschen inklusive kranker Embryos zielen und nicht auf deren Beseitigung», forderte Marianne Streiff-Feller unmissverständlich.

Nur noch ein kleiner Schritt zum Designerkind
Die Öffnung des Artikels 119 der Bundesverfassung ist ein weiterer Schritt hin zu einer grenzenlosen Fortpflanzungsmedizin mit bisher noch unabsehbaren Folgen. Ein Blick ins Ausland (z.B. nach Grossbritannien) zeigt, dass bei einer Freigabe die Grenzen kaum mehr gezogen werden können, welche genetischen Tests zur Aussonderung von Embryonen angewendet werden dürfen und welche nicht. Und die amerikanische Praxis lehrt, dass der Schritt von der Untersuchung auf Erbkrankheiten und Chromosomenanomalien hin zum «Designerkind» klein ist – also hin zur Selektion nach Geschlecht, Haar- und Augenfarbe sowie gewünschten körperlichen und geistigen Eigenschaften. Weitere Liberalisierungsschritte wie die Herstellung von «Retterbabys» sind in der Schweiz bereits ebenfalls Gegenstand der öffentlichen und politischen Diskussion. Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) beispielsweise spricht sich bereits heute mehrheitlich für die Eizellenspende, die Embryonenspende oder die Leihmutterschaft aus.
 
Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung
«Wenn wir diesen Weg weitergehen, brandmarken wir Menschen mit Behinderungen künftig als lebensunwert», warnte Komiteemitglied CVP-Nationalrat Christian Lohr an der besagten Medienkonferenz. Die berechtigte Sorge steht im Raum, dass diese künftig als unerwünschte und vermeidbare Risiken und Belastung betrachtet werden – mit gravierenden Auswirkungen für ihr Selbstverständnis und unser Zusammenleben mit ihnen. Leistungsverweigerungen der Sozialversicherungen und Krankenkassen könnten die Folgen sein. «Es ist Aufgabe der Politik, der Gesellschaft und der Gesetzgebung, Menschen mit Behinderung sozial und wirtschaftlich zu integrieren – nicht sie zu verhindern und zu eliminieren», sprach Lohr Klartext. Die Zulassung der PID wird zudem einen starken gesellschaftlichen Druck auf werdende Eltern auslösen, behindertes Leben zu verhindern.

Ethische Fragen an die PID
Bei genauerem Hinsehen stellen sich laut Frank Mathwig5 bei der PID eine Vielzahl von Fragen, auf die Poli-
tik und Medizin bislang die Antworten weitgehend schuldig geblieben sind. So sind die möglichen Langzeitfolgen für untersuchte Embryonen bisher nicht bekannt. Die Möglichkeit von Fehldiagnosen kann nicht ausgeschlossen werden. Die Gefahr weitergehender Embryonenselektion ist latent vorhanden. Es gibt keine Grenzziehung zwischen zwischen Prävention und Selektion. Es entsteht ein Selektionsautomatismus aufgrund eines positiven Befundes. Diagnostische Verfahren kennen an sich keine ethischen Grenzen.
Grundsätzliche Fragen ethischer Natur stehen laut Mathwig im Raum und müssen von Politik und Gesellschaft geklärt werden – möglichst bevor die entsprechende Praxis eingeführt wird: Wie weit geht die reproduktive Selbstbestimmung? Dürfen Kinder in ihrer frühesten Entwicklungsphase zum Gegenstand einer Wahl der Eltern oder des Arztes werden? Wollen wir überhaupt Kinder, die sich im Sinne einer bewussten Auswahl als Produkte ihrer Eltern begreifen müssen? Wohin geht eine Gesellschaft, welche die Spontanität und Pluralität des Humanen einer selektiven Kontrolle unterzieht? Und: Besitzt ein Embryo mit der Disposition zu einer schweren Behinderung kein Lebensrecht?
Daraus leiten sich entsprechende Forderungen ab: Es bedarf eines in der Verfassung verankerten Embryonenschutzes, der nicht in der gleichen Verfassung wieder ausgehöhlt werden darf. Die verfassungsrechtliche Klärung des Status von Embryonen muss partikularen biotechnologischen Regelungen zwingend vorausgehen. Hierzu bedarf es eines intensiven Diskurses in und mit der Öffentlichkeit.

1  Bereits im Dezember 2014 verabschiedete das Parlament die Revision des Fortpflanzungsmedizingesetzes (rFMedG). Es erlaubt die Präimplantationsdiagnostik inklusive der Untersuchung von Embryonen auf Chromosomenanomalien aller Art (Chromosomen-Screening) sowie das Tiefgefrieren überzähliger Embryonen.
2  Art. 119 Abs. 2 Bst. c
3  Annahme: Nur jedes zweite Elternpaar lässt eine PID durchführen.
4  Eugenik ist die Ideologie, dass man durch die Verbesserung der Erbanlagen in der menschlichen Bevölkerung zu einer Auslese vermeintlich gesunder und hochwertiger Menschen gelangen kann.
5  «Ethische Aspekte von PID», Referat Prof. Dr. Frank Mathwig anlässlich des EVP-Koordinationstreffens «Nein zur PID» am 15. Dezember 2014


Dr. Dirk Meisel, Politikwissenschaftler und PR-Berater, ist Leiter Kommunikation der EVP Schweiz. Er ist verheiratet mit Mirjam Meisel-Stoll, Vater von zwei Mädchen im Alter von 5 und 7 Jahren und wohnt in Bern.

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