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Literatur

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Alexander Arndt Wer im winterlichen Jerusalem gelebt hat, weiss, dass es dort regnen kann, bisweilen gar schneien, sodass die aus Jerusalemer Stein gebauten alten Häuser nicht so recht warm werden wollen und deshalb heisser Tee und eine warme Decke zu treuen Begleitern werden. Regen, der nicht aufhören will, ist auch die Metapher für den Seelenzustand des jungen Schmuel Asch im neuen Meisterwerk von Amos Oz1.

 

Schmuel Asch steckt in einer Lebenskrise. Die Freundin hat ihn gerade zugunsten eines professionellen Regenexperten verlassen, die Magisterarbeit «Jesus in den Augen der Juden» hat Schiffbruch erlitten, sein linkes Politgrüppchen hat sich im Streit aufgelöst, von den Eltern fliesst kein Geld mehr fürs Studium und überhaupt ist der hypersensible Schmuel eher nahe am Wasser gebaut. Einer Anzeige folgend zieht er unter der Auflage strengster Verschwiegenheit in ein altes Haus, um dem kranken, zynischen alten Intellektuellen Gershom Wald als Gesprächspartner zu dienen. Die klaustrophobische Enge wird belebt von der 45-jährigen Schwiegertochter Atalja – so schön wie unnahbar und alsbald Projektionsfläche für den einsamen Romantiker – sowie von Geistern der Vergangenheit. Einmal mehr schreibt Oz eine «Geschichte von Liebe und Finsternis».


Verrat

Der historische Rahmen ist der Jahreswechsel 1959/60 im geteilten Jerusalem: Der jüdische Staat ist noch jung und hat dennoch seine Unschuld verloren. Die Staatsgründung 1948 war nur durch blutige Selbstverteidigung zu vollenden. Es ist die Ruhe vor dem Sturm des Sechstagekrieges, der Israel die ganze Stadt Jerusalem bescheren wird, aber keinen Frieden. Gelegentlich hallt der Schuss eines jordanischen Heckenschützen durch die Nacht.
Die moralische Reinheit der Waffen ist in Kriegszeiten eine Fiktion. Immer trifft es Unschuldige, immer werden Werte und Ideale blossgestellt und verraten. Und so nutzt Oz seinen Roman zu einer Meditation über den Verrat, das jüdisch-christliche Verhältnis und religiös-ethnische Gewalt in Nahost. Ataljas toter Vater gilt als Verräter. Er wiederum lehnte einen jüdischen Staat vehement ab, weil er darin den Verrat eines säkular-heilsgeschichtlichen Zio-
nismus sah. Schmuel fühlt sich von Freundin und sozialistischen Idealen verraten. Seine Familie wirft ihm Verrat seiner Ambitionen vor. Alles eine Frage der Perspektive? Schmuels Gedanken beginnen manisch um die Urfigur des Verrats – Judas Ischariot – zu kreisen.

Welcher Jesus?
Entsprechend bereichernd durchzieht der jüdische Diskurs über Jesus das ganze Buch. Welche Lesarten von Jesus ergeben sich? Wunder-Rabbi, jüdischer Reformer, Mensch oder doch Gottessohn? «Ich liebe ihn» lässt Oz Schmuel über Jesus sagen und zitiert sich – wie jüngst im Interview – selbst, gegen jede Polemik, die Jesus für all die antisemitische Gewalt der Jahrtausende verantwortlich machen will. Doch wo begann der Verrat an der christlichen Botschaft der Liebe? Wo der Verrat am Juden Jesus, der nicht gekommen war, eine neue Religion zu gründen?
Die Antwort, in die sich Schmuel in der Einsamkeit seiner Kammer hi-
neinsteigert: Judas hat Jesus nicht verraten wollen. Es bedurfte keines Kusses, um diesen zu erkennen und zu verhaften. Schmuel spekuliert, dass Judas der leidenschaftlichste Anhänger Jesu gewesen sei, gewillt, ihn ans Kreuz zu bringen, auf dass er hinabsteige und sich aller Welt zweifelsfrei offenbare. Doch das Kreuz unterlief diese Erwartung. Judas' ungeduldige Liebe für Christus entpuppt sich als religiöser Wahn, der Gewalt brachte – «die Welt ist krumm und verbogen und voller Qualen, aber jeder, der sie verbessern will, taucht sie schon bald in Blutströme», resigniert Wald.

Mehr als Feigen
Die Stärke dieses einfühlsam übersetzten Romans ist es, dass er die aufgebauten Spannungen verschiedener Sichtweisen – Nahostkonflikt, christlich-jüdisches Verhältnis, die Dialektik aus Liebe und Einsamkeit – nicht banal gutmenschlich auflöst. Mehrfach stolpert Schmuel über die eher dunkel bleibende Bibelstelle vom verfluchten Feigenbaum. Ist dies der Baum, an dem sich Judas angesichts seines Scheiterns erhängte? Doch auch Schmuel, «der Feigen liebte», beginnt, sich dem Leben zuzuwenden und sucht «nach ein, zwei oder drei früh gereiften Früchten. Was eigentlich nicht sein konnte, denn keine Feige reift zu
Beginn des Frühjahrs, vor dem Pessachfest.»
Und so entlässt einen dieses nachdenkliche Buch nicht nur als ein grosses Stück Literatur, sondern auch mit der leisen Ahnung von Glaube, Liebe und Hoffnung ins Leben.

1 Oz, Amos. «Judas.» Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin, Suhrkamp, 2015

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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