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Pädagogik

Vertrauen oder pauschales Misstrauen?!

Andreas Schmid «Hey, chömed, ich weiss, dass ihr das chönd!» Was wie die austauschbare Pausenansprache eines Fussballtrainers tönt, steht für einmal für etwas anderes: das unbedingte Vertrauen eines Lehrers in die Möglichkeiten seiner Schülerinnen und Schüler. Und die Art, wie die Schüler im Unterricht mitziehen, lässt vermuten: Das beruht auf Gegenseitigkeit.

Andreas Schmid 

Der obige Einstiegssatz stammt aus einem Unterrichtsbesuch. Es ist die erste Stunde an einem sonnigen Frühlingsnachmittag in einer 1. Sek B-Klasse mit 17 Schülerinnen und Schülern: einige mit Anlaufschwierigkeiten nach dem Mittagessen, einige andere im Gegensatz dazu ziemlich kribbelig und aufgedreht. Der Lehrerstudent initiiert geschickt eine Übung zum Thema Wortschatz-erweiterung, die beide Gruppen abholt: Es gibt drei Minuten Zeit, um 10 Synonyme zum Verb «gehen» zu finden – los! Als einige nach zwei Minuten anstehen und zu stöhnen beginnen, folgt der obige Ansporn. Das Zutrauen wirkt, es wird noch einmal Gas gegeben ... Die Auswertung im Plenum verläuft angeregt. Befund: Die Klasse hat 32 verschiedene Synonyme zusammengetragen und mit je einem Beispiel versehen.

Ohne Vertrauen geht nichts

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, für eine Weile nichts mehr zum Lehrplan 21 zu schreiben. Doch nun scheint die nächste Runde anzustehen, mit Schlagzeilen wie «In jedem zweiten Kanton wollen Kritiker den Lehrplan bodigen», oder: «Die Gegner der Schulreform sind im Aufwind.» Was braucht die Schule in dieser Si-
tuation? Oder besser gesagt: Was brauchen die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer bzw. die Kinder und Jugendlichen in ihrem Unterricht?
Gelingendes Lernen lebt zu einem wesentlichen Teil davon, dass im Klassenzimmer tragfähige Beziehungen aufgebaut werden können. Eine der grundlegendsten Bedingungen dafür ist Vertrauen. Einerseits in die eigenen Möglichkeiten – sei es als Lehrerin oder Schüler. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler ist es aber vor allem das Vertrauen zum Lehrer oder zur Lehrerin, die ihnen die Inhalte nahe bringen und vermitteln. Wo dieses gegenseitige Vertrauen vorhanden ist, wird enorm viel Potenzial freigelegt und werden auf beiden Seiten Ressourcen genutzt, die sonst brach liegen.

Verlässliche Bedingungen schaffen
Wie kann dieser Prozess gelingen? Eine der Bedingungen für Vertrauen ist Verlässlichkeit: Wenn ich weiss, woran ich bin, sei es mit meinem Gegenüber oder mit dem äusseren Rahmen, dann kann ich daran gehen, eine Beziehung oder Situation zu gestalten. Ich bin bereit, etwas von mir her zu investieren.
Die Diskussion um den Lehrplan 21 steht an dieser Stelle an: Sie ist nach wie vor geprägt von pauschalen Misstrauensvoten, oft in Unkenntnis der Fakten. Das macht es schwierig, sich in die anstehende Umsetzungsphase hineinzubewegen und darin Zufriedenheit und Engagement zu entwickeln. Nur so aber kann man sich konstruktiv mit Vorbehalten auseinandersetzen und die zweifellos noch vorhandenen Baustellen konkret angehen.
Vermitteln wir als Eltern unseren Kindern und Jugendlichen das Gefühl, dass sie in eine gute Schule gehen? Haben wir als Lehrerinnen und Lehrer eine Grundüberzeugung, dass wir auch unter den neuen Lehrplan-Voraussetzungen guten Unterricht und eine gelingende Beziehungsarbeit leisten können? Schaffen wir als Behördenmitglieder bzw. Bürgerinnen und Bürger die Verbindlichkeiten, die es braucht, um die neuen Strukturen zu füllen?
Die Grundsatzdiskussionen sind geführt, die Chancen, Problemstellungen und Spannungsfelder ausgemacht. Eine reine Verhinderungspolitik hilft den betroffenen (und ausführenden!) Akteuren nicht, Vertrauen in den neu definierten Rahmen zu gewinnen. Ist es von daher angebracht, das Reformvorhaben weiterhin mit föderalistischen Grabenkämpfen und parteipolitisch motivierten Profilierungs-Abstimmungen in Frage zu stellen? Diese zögern den Start der Arbeit nur noch länger hinaus.
Wer mit dem Wohl der Kinder argumentiert, sollte sich diesen Fragen stellen. Es wird Zeit, dass wir den Lehrerinnen und Lehrern, den Schulleitungen und Behördenmitgliedern einen verlässlichen Orientierungsrahmen in die Hände geben, der von innen her gestaltet werden kann – im Sinne des Eingangsbeispiels. Dafür sollten wir mit unserem Abstimmungsverhalten Raum schaffen.

 

Andreas Schmid ist Dozent Berufsbildung im Sek I-Studiengang an der PHZ Luzern. Der Erziehungswissenschaftler leitete zehn Jahre den Bildungs- und Ferienort Campo Rasa.

aj.schmid@STOP-SPAM.bluewin.ch  

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