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Psychologie

Ein gutes Leben muss religiöse Bedürfnisse stillen

Dieter Bösser Die allermeisten Menschen wünschen sich ein gutes Leben. Die Vorstellungen darüber, was das konkret bedeutet, gehen allerdings relativ weit auseinander.


Aus psychologischer Sicht hat ein gutes Leben viel mit der Erfüllung persönlicher Bedürfnisse zu tun. Gemäss Lehrbuch beziehen sich Bedürfnisse auf Verhaltensziele und haben eine grosse Ähnlichkeit mit Motiven und Interessen. Ein ungestilltes Bedürfnis erzeugt einen inneren Spannungszustand. Dieser wird zur antreibenden Kraft, um das Bedürfnis zu stillen. Es gibt verschiedene Bedürfniskonzeptionen, sehr bekannt ist etwa die Maslow’sche Bedürfnispyramide.

Bedürfnisse unterscheiden sich je nach Person

Unbestritten ist, dass sich Menschen ganz grundsätzlich hinsichtlich ihrer Bedürfnisse und deren jeweiliger Stärke unterscheiden. Meines Wissens gibt es in der Psychologie keinen konsensfähigen Bedürfniskanon. Vielmehr existieren unterschiedliche Vorstellungen darüber, was legitime menschliche Bedürfnisse sind. Zudem müssen wir im umgangssprachlichen Gebrauch zwischen verschiedenen Bedürfnisarten unterscheiden. Konsumbedürfnisse nach einem bestimmten Produkt, oft durch entsprechende Werbung stimuliert, sind von einer anderen Qualität als existenzielle Bedürfnisse wie beispielsweise der Wunsch nach guten Beziehungen zu anderen Menschen.

Gibt es auch religiöse Bedürfnisse?
Sind Menschen in der Lage, ihre existenziellen Bedürfnisse auf Anfrage zu benennen? Gehören dazu auch religiöse Bedürfnisse? Diese Frage ist längst nicht nur theoretischer Natur. So wurden im Herbst 2014 vielen christlichen Jugendorganisationen finanzielle Beiträge des Bundesamtes für Sozialversicherung gestrichen. Begründet wurde diese Entscheidung unter anderem damit, dass sich diese Jugendverbände nicht an den Bedürfnissen der Jugendlichen ausrichten, sondern einen eigenen Organisa-
tionszweck verfolgen würden, der nichts mit der Förderung junger Menschen zu tun habe. Dahinter steht die Auffassung, dass es keine legitimen religiösen Bedürfnisse gibt, auf die christliche Organisationen eingehen könnten oder sollten.

Religiöse Bedürfnisse helfen zu einem guten Leben

Die generelle These, dass Menschen keine religiösen Bedürfnisse haben, kann durchaus bestritten werden. Die meisten Menschen suchen in irgendeiner Form nach Transzendenz. Gemäss den Untersuchungen des Religionssoziologen Jörg Stolz bezeichnen sich in der Schweiz nur 10% als säkular – als Personen ohne jede religiöse Praxis und religiöse Glaubensüberzeugungen. Bei den allermeisten sind offensichtlich religiöse Bedürfnisse vorhanden, die sie zu religiösen Praktiken veranlassen. Der Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik Friedrich Schweitzer nennt in seinem Buch «Das Recht des Kindes auf Religion» eine Reihe von Vorteilen, die Religion Kindern bieten kann: Religiöse Erziehung unterstützt die kindliche Vertrauensbildung und fördert die Widerstandskraft (Resilienz) in schwierigen Situationen. Sie ermöglicht Sinnerfahrung und unterstützt die Wertebildung. Sie kann Kindern zu Ich-Stärke verhelfen und eröffnet Zugänge zu einer bereichernden Sprache und Bilderwelt. Schliesslich ermöglicht religiöse Erziehung die Erfahrung von Gemeinschaft.
Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. Hans Rudolf Stucki, fragt in seinem Buch «Spiritualität wiederentdecken»: «Können wir den Heranwachsenden in der Ganzheit gerecht werden, wenn wir die spirituelle und religiöse Dimension aus dem Erziehungsprozess ausschliessen? Die Antwort lautet nein.» Er erwähnt, dass bereits Kinder mit Existenz- und sogar Überlebensfragen konfrontiert sind und folgert, dass «das Kind in seinem Suchen nach Verstehen und Sinn und in seinem Fragen nach Gott nicht sich selbst überlassen werden» darf.
Fazit: Zu einem guten Leben gehört nicht nur für Kinder, sondern für die allermeisten Menschen auch die Erfüllung der religiösen Bedürfnisse. In der abendländischen Wohlstandsgesellschaft werden sie mindestens teilweise überlagert oder verfremdet. Spätestens in den Grenzsituationen des Lebens treten sie aber deutlich zutage. Erfüllte religiöse Bedürfnisse erweisen sich nicht nur dann als eine wertvolle Ressource.

Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren. Er ist zudem Leiter der VBG-Arbeit unter Berufstätigen.

dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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