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Spiritualität

Ja oder Nein

Ruth Maria Michel

 

  • Ich lese langsam, wenn möglich laut, Wort für Wort, Satz für Satz den folgenden Text von Paul Roth1:


Du kannst dir nicht ein Leben lang
die Türen alle offen halten,
um keine Chance zu verpassen.
Auch wer durch keine Türe geht und
keinen Schritt nach vorne tut,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen eine nach der andern zu.
Wer selber leben will,
der muss entscheiden:
Ja oder nein –
im Grossen und im Kleinen.
Wer sich entscheidet, wertet, wählt
und das bedeutet auch: Verzicht.
Denn jede Tür, durch die er geht,
verschliesst ihm viele andere.
Man darf nicht mogeln und so tun,
als könne man beweisen,
was hinter jener Tür geschehen wird.
Ein jedes Ja – auch überdacht, geprüft –
ist zugleich Wagnis
und verlangt ein Ziel.
Das aber ist die erste aller Fragen:
Wie heisst das Ziel, an dem ich messe Ja und Nein?
Und: Wofür will ich leben?

 

  •       Was klingt in mir an ... Was spricht mich an ... Wo spüre ich

         Zustimmung / Widerstand ...

 

  •        Mein Ziel – wie heisst es ...?
  •        Bewege ich mich darauf zu ...?
  •        Ich rede mit Gott darüber ...
  •         Woran messe ich mein Ja und mein Nein ...
  •         Ich rede mit Gott darüber ...
  •        Wofür will ich eigentlich, letztlich leben ...
  •        Ich rede mit Gott darüber ...
  •        Gibt es heute ein Ja, zu dem ich mich entscheiden will ...?
  •        Ich rede mit Gott darüber ...
  •        Entscheiden bedeutet auch verzichten. Worauf dürfte ich verzichten, damit mehr gottgewolltes Leben sich entfalten kann ...
  •        Gibt es heute ein Nein, zu dem ich mich entscheiden will ...?
  •        Ich rede mit Gott darüber ...

 

Entscheidung beginnt mit Scheidung:
Setzt Ja gegen Nein in klarer Wahl2.

 

Mit der Zeit verliert das Erwählte
an Faszination,
und das Nicht-Gewählte gewinnt
an Reiz:
Schon stehen sich beide Teile im Gleich-Gewicht gegenüber:
Gleiche Gewichte auf beiden Seiten, zu beiden Teilen gleiche Anziehung:
Jetzt kommt der Zwei-fel,
und klärt uns auf
über die Wahrheit des Zwei
und über unsere Täuschung,
im einen gewählten Teil das Ganze zu vermeinen.

Der Teil, den man vor-zog,
droht zum Nach-Teil abzusinken,
während sein Gegen-Teil,
einst hintan gestellt,
in Vor-Teil kommt.
Das ist der kritische Punkt im Laufe jeder Ent-Scheidung:
Es stellt sich die Frage
nach dem Seiten-Wechsel ...
Bei genauerer Unter-Scheidung aber stellt sie sich als Versuchung dar.
Das ist die Stunde der reifen
Ent-Scheidung:
Sie vollendet das angefangene Werk mit dem Brücken-Schlag ihres «Ent», das Scheidung rück-gängig macht durch Verdoppelung ihres Ja:
Zum bereits bejahten Teil ihrer
ersten Wahl
wählt sie nun noch das Ja
zum Verzicht auf sein Gegen-Teil:
Statt Seiten-Wechsel,
Wechsel-Seitigkeit:
Ab-Grenzung als
An-Grenzung erschlossen.

So läutert sich das frühere
zu leichte Nein zum Gegen-Teil
zum schwerer wiegenden Ja
zu dessen gänzlichem Verzicht,
gibt altem Ja neues Gewicht
und neuem Ja ur-alte Wichtigkeit.
Das ist das Ent-Scheidende.
Im Bejahen des Verzichtes wird so das Gegen-Teil mit-bejaht,
und im neu gewählten Leiden
nun zurück gewonnen.
Hat man sich zurück besonnen
und die neue Leiden-schaft
zurück genommen,
lässt diese sich in alter Treue
bändigen,
zur Läuterung und dadurch
Steigerung der alten Liebes-Bande.

So weiss die reife Ent-Scheidung
erlebte Anteil-Nahme mit
verzichteter Anteil-Gabe
in ein kreatives Verhältnis zu bringen und Ver-Schiedenheit zu deuten
als Be-Schiedenheit.
Jetzt stehen sich Erwähltes und
Verzichtetes zur Seite,
Freud und Leid ver-stehen einander als Er-Gänz-ung:
Gewachsene Gegen-Teiligkeit zur Gegen-Seitigkeit erwachsen;
Erwachsene Part-ialität
der Part-izipation gewachsen:
Ent-Scheidung jetzt nicht mehr zum Teil, sondern zum Ganzen.
Der kritische Punkt ist überwunden,
der springende Punkt entdeckt:
Seite an Seite stehen nun die beiden Halb-Wahrheiten der grossen Ganz-Wahrheit ent-scheidend bei und
unserer kleinen Wahrheit end-lich zu.

Das Wort «Entscheidung» wirft
ein Licht auf unsere Realität,
und lässt sie uns aufleuchten
als erkennbares Phänomen.
Das Wort selber aber bleibt
im Schatten.

Werfen wir nun ein Licht
auf es zurück,
leuchtet es uns plötzlich ein
als Reflektion:
so kommt seine eigene Wört-lichkeit ans Licht,
die uns ihr entlang zurück führt
ins Innerste,
wo es immer heisser und heisser,
immer wörtlicher und wörtlicher wird bis zum Wort-Wörtlichsten: Antwort.

So sind Worte äusserst hin-weisend und innerst weise:
Worte lassen sich aus über
einen Tat-Bestand
und ermöglichen Äusserung;
dabei lassen sie sich selber aus
und verschweigen
ihren Tat-Verstand:
Im Schweigen behalten sie nämlich das letzte Wort:
zu unserer Er-Innerung.

Das Wort «Entscheidung» er-weist sich als besonders viel-sagend:
Was es im Äusseren auf-weist,
verweist auf sein eigenes Inneres:
In der Äusserung liegt
seine Be-Deutung,
im Inneren seine Deutung.
Ent-Scheidung: «Ent», Trennungs-Strich, «Scheidung»:
In Wirklichkeit kehrt sich das Wort und beginnt mit Scheidung,
um dann zum ersten überzuspringen
zum «Ent», zur Ent-Deckung
der Auseinander-Setzung,
die sich in jenem Trennungs-Strich ausdrückt,
der zunehmend zum
Binde-Strich wird und
auf den Zusammen-Hang weist:
Jetzt verbinden sich alle Teile
miteinander zur ent-scheidenden Ganzheit.
Das Bild des Wellen-Reitens kann es uns veranschaulichen:

Es geht um das heikle Gleichgewicht zwischen Rück-Lage und Vor-Lage:
Es gilt, diesen subtilen Punkt
zu treffen und einzunehmen,
um sich jetzt von der Welle
mitziehen zu lassen.
Die Rück-Lage versinn-bildlicht
die erste Phase der Scheidung,
die Vor-Lage steht für die Vor-Liebe für das Gegen-Teil,
dem das «Ent» ent-spricht,
und das Zusammen-Spiel beider symbolisiert der Trennungs-Strich,
der mit zunehmender Reife als Binde-Strich gedeutet werden kann.

Jetzt geht es nicht mehr
um Auseinander-Setzung,
sondern im Gegen-Teil
um Zusammen-Hang:
um die Ver-Bindung aller Teile
zu jener Ganzheit,
welche sich als Ver-Bindlichkeit
er-weist:
Wahr-zeichen reifer Ent-Scheidung.
Das Entschiedene bringt uns auf
die Höhe des Rück-Haltes,
das Verzichtete in die Neigung
zur Vor-Lage:
in der subtilen An-Winkelung
beider Neigungen entsteht
der springende Punkt:
als Er-Fahrung
ganzheitlicher Zu-Neigung.

1  Paul Roth in Hans Schaller «Wie finde ich
meinen Weg – Eine christliche Lebenshilfe»,
Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1998,
Seite 18
2  von Jürg Lenggenhager, Künstler, Bern

 

Ruth Michel leitet als VBG-Mitarbeiterin das Ressort «Spiritualität und geistliche Begleitung».

ruth.michel@STOP-SPAM.insist.ch

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