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Wasser in Sicht

Hanspeter Schmutz Der Nahostkonflikt ist älter als der moderne Staat Israel. Und er ist vielschichtiger als uns das die gängigen Diskussionen glauben machen. Deshalb müssen auch die Lösungsansätze mehrere Dimensionen einbeziehen.

Im Nahen Osten gehe es um das Existenzrecht Israels, sagen die Einen. Aber auch um Rechte der Palästinenser, welche durch die israelische Besetzung verletzt würden, entgegnen die Andern. Weit gefehlt, sagen Dritte. Hier gehe es um das von Gott verheissene Land, in dem Milch und Honig fliessen. Und damit um eine geistliche Auseinandersetzung mit allen, die diesen Anspruch in Frage stellen. Diese Deutung ist vor allem unter radikalen Juden und «fundamentalistischen» Christen beliebt. Sie tönt zwar geistlich, greift aber zu kurz. Nur schon deshalb, weil es unter den Palästinensern neben Moslems auch Christen gibt,
die uns – zumindest vom Glaubenszentrum her gesehen – näher stehen als unsere jüdischen Brüder und Schwestern. Wie könnten wir unsere – geistlich gesehen – engsten Verwandten im Stiche lassen und uns reflexartig auf die jüdische Seite schlagen? Vermutlich ist unsere Position sowieso zwischen den Fronten: als Friedensstifter. Gerade so, wie uns das Jesus aufgetragen hat. Und da verbieten sich einseitige Festlegungen. Das tiefer liegende Problem wird bei der Diskussion in der Regel aber ausser Acht gelassen. Es ist älter als der moderne Staat Israel: der Jahrhunderte alte Kampf um das knappe Wasser. Doch es gibt auch hier Hoffnung.
Hassan Garmi ist Bürgermeister von Zbeidat, einem Beduinendorf in den Bergen des Jordantals. Sein Gegenüber heisst Jossi Vardi, auch er ein (ehemaliger) Bürgermeister. Der eine ist Palästinenser, der andere Israeli. Eigentlich müssten sie Feinde sein. Aber sie sind Freunde. Die beiden Männer unterstützen Projekte, die helfen, den kranken Fluss Jordan gesund zu machen und mit genügend Wasser zu versorgen. «Das ist keine Normalisierung der Beziehungen», hält der Palästinenser den Ball flach. «Wir kümmern uns darum, dass es den Bewohnern besser geht1.» Es geht um Dorfentwicklung, könnte man sagen. Und die ist nötig, denn mehr als die Hälfte der Bewohner von Zbeidat haben keinen Wasseranschluss. Die beiden sehen die Wasserknappheit nicht als zwingende Verschärfung des Konfliktes, sondern als «Wegbereiter für den Frieden».
Der israelisch-arabische Konflikt war schon immer auch ein Kampf um Wasser. Die erste Terroraktion der palästinensischen Fatah galt 1964 einer Wasserpumpe, Teil der israelischen «Nationalen Wasserleitung», die das Wasser des Jordans direkt in die Negev-Wüste leitete. Der Anschlag war Teil des «Wasserkriegs» zwischen dem Libanon,
Syrien, Jordanien und Israel, der
Anfang der 1950er-Jahre mit Grenzscharmützeln begann und 1967 in den Sechstagekrieg mündete.
Der jordanische Umweltschützer Munkath Mehyar hat die Organisation Ecopeace mitbegründet. In diesen Kreisen wächst die Erkenntnis, dass Grenzen keinen Sinn machen. Man müsse lernen, dass gegenseitige Abhängigkeit keine Schwäche sei. «Die unwirtliche Natur ist der gröss-te Feind. Ihre Herausforderungen schweissen uns zusammen. So entsteht Vertrauen – als Basis für die Zukunft», meint Munkath Mehyar2.
Dort, wo Jesus nach der Überlieferung getauft worden ist, fliesst der Jordan nur noch als dreckiges Rinnsal. Das soll ändern. Israel leitet erstmals seit 1964 wieder frisches Wasser in den Fluss. Dank der Meerwasserentsalzung ist die knappe Res-
source eine potenziell unendliche Quelle geworden. Dazu braucht man allerdings viel Energie. Laut Mehyar gibt es dazu ein perfektes Geschäftsmodell: «Israel hat fortschrittliche Technologien, Jordanien und Palästina haben viele gute Arbeitskräfte und leere Landstriche.» Er träumt von riesigen Solaranlagen in Jordanien, die Strom an Israel liefern, um Meerwasser zu entsalzen und dann an alle zu verteilen.
Das braucht Vertrauen. Dieses wird auch in der nächsten Generation gefördert. Mit ökologischen Jugendcamps, in denen israelische, palästinensische und jordanische Jugendliche über eine gemeinsame Zukunft nachdenken.
Spätestens hier wären auch wieder die Christen gefragt – und zwar aus allen «Lagern».

 

1   «Der Bund» vom 21.4.16
2  dito


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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