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Streit der Theologen

Braucht es auch heute ein deutliches Nein?

Interview: Fritz Imhof 1934 schrieb Karl Barth ein Büchlein mit dem Titel «Nein!» und dem Untertitel «Antwort an Emil Brunner». Was bewog den berühmten Theologieprofessor zu dieser «zornigen» Stellungnahme? Und was können wir daraus lernen? Wir sprachen darüber mit dem Kirchengeschichtler und ehemaligen Rektor des Theologisch-diakonischen Seminars Aarau (TDS), Peter Henning.

Magazin INSIST: Peter Henning, können Sie kurz die Ausgangslage schildern, in der Karl Barth sein energisches «Nein» zum Buch über die «Natürliche Theologie» von Emil Brunner schrieb?

Peter Henning: 1934 erschien Brunners Schrift «Natur und Gnade». Sie war ein Plädoyer für eine «Missionarische Theologie». Ihn interessierte deshalb der menschliche Anknüpfungspunkt für die Botschaft des Evangeliums. Für Barth bedeutete dieser Ansatz allerdings eine Renaissance der «Natürlichen Theologie» (theologia naturalis)1, die davon ausgeht, dass der Mensch als Partner Gottes an seiner Erlösung mitwirken darf und kann. Sein Nein beschrieb er als eine «zornige Antwort» an Brunner. Für Barth gab es keinen solchen Anknüpfungspunkt. Gott hat sich gemäss seiner Überzeugung allein in Jesus Christus offenbart.
Zum Hintergrund: Schon 1934 hatte sich die von Alfred Rosenberg entwickelte Nazi-Theologie – eine arische Blut- und Boden-Religion – bis in die Kirchen hinein verbreitet. In der Folge entstand die den Nationalsozialismus integrierende Kirchenstruktur der «Deutschen Christen». Rosenbergs Schrift «Der Mythus des 20. Jahrhunderts» erlebte bereits 1935 die 50. Auflage mit 253’000 verkauften Exemplaren.
In dieser Zeit hatten sich bereits auch kirchliche Amtsträger und Theologen mit dieser neuen Theologie arrangiert. Ihre Meinung war: In den geschichtlichen Umwälzungen offenbart sich Gott mit seiner Absicht und seinem Willen, dem deutschen Volk einen neuen Aufbruch, eine neue Identität, wieder Recht und Ordnung und eine moralische Sendung zu geben.
Rosenberg betrieb mit seinem «Mythus» eine perfide Generalabrechnung mit dem Judentum und Christentum sowie vor allem mit dem stellvertretenden Opfer Jesu Christi. Dadurch schuf er für den Rassenwahn eine pseudophilosophisch-religiöse Legitimation. Damit entstand eine neue, gefährliche völkisch-idealistische Religion mit Christus als arischem Held. Dies wurde aber damals von vielen Vertretern der Kirche verdrängt. Sie liessen sich von der Aufbruchsstimmung und dem verheissenen Ende der Schande von Versailles2 blenden. Sie glaubten sich auf der Schwelle zu einer neuen Zeit, hinter der sie Gottes Wirken sahen.
Auf diesem Hintergrund war Karl Barth hoch sensibilisiert, wenn die «Erlösung durch Gott allein» vom Menschen her – wie auch immer begründet, ob fromm, theologisch, religiös oder ideologisch – konkurrenziert wurde.
 
Können Sie das besondere Anliegen von Emil Brunner noch etwas erläutern?
Emil Brunner suchte nach Anknüpfungspunkten beim säkularisierten Menschen: Warum und wie kann das Evangelium beim Menschen «ankommen»? Bringt der Mensch – eben auch der Sünder – dazu überhaupt eine Voraussetzung mit? Emil Brunner antwortete (darauf) mit Ja. Auch der gefallene Mensch – der Sünder – behalte seine göttliche Ebenbildlichkeit (imago dei) und damit seine Analogie zum Wesen Gottes. Deswegen könne er Gott in den Werken der Schöpfung sowie in der Geschichte erkennen3. Der Mensch habe eine Art Schuldbewusstsein oder ein Gewissen, aus dem sich ein Naturrecht und eine «Goldene Regel» für das richtige Verhalten ableiten lasse4.
Für Emil Brunner wurde das Wort von Paulus im 2. Korinther 10,4-5 zum Leitmotiv seiner «Missionarischen Theologie»: «Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott, um Bollwerke zu zerstören, Argumente und eigenmächtige Gedankengebäude zu beseitigen und menschlichem Hochmut zu widerstehen5, um jegliche Vernunft und alle selbstherrlichen menschlichen Gedanken gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi6.» Laut Brunner ist Dogmatik das Zeugnis der Wahrheit in der Form der Reflexion. «Missionarische Theologie» ist dagegen Seelsorge in der Form der Reflexion. Und das geht für Brunner nur so, dass die theologische Seelsorge das im Nichtchristen sucht, was er als «Rest» bzw. letzte Ahnung der Imago Dei bezeichnet.

Was wollte auf der andern Seite Karl Barth den damaligen Theologen und Gläubigen klar machen?
Sowohl damals wie auch heute spielt Karl Barth eine wichtige Rolle! Er will uns nicht nur etwas klar machen, sondern zugleich vor etwas warnen. Die christliche Dogmatik hat ihre Basis und ihren Ausgangspunkt immer auch im Kontext der jeweiligen Zeit und Geschichte, im Umfeld konkurrierender Philosophien und Ideologien sowie in den gesellschaftlichen Trends und Zeitströmungen. Bei aller gebotenen Auseinandersetzung (Eristik und/oder Apologetik) mit dem nichtchristlichen Denken unserer Zeit dürfen der christliche Glaube und die christliche Dogmatik ihre Grundlagen nicht von anderen Autoritäten als der von Gott geoffenbarten Wahrheit beziehen! Die «Barmer Erklärung»7 ist ein zeitloses Zeugnis für diese Position! Wie würde Karl Barth wohl gegen gewisse aktuelle «Theologien der Neuzeit» poltern8?
 
Welche negativen Auswirkungen befürchtete Barth vom Buch von Brunner?

Konkret, dass sich in Deutschland die wankelmütigen und mit dem nationalsozialistischen Neuaufbruch sympathisierenden Theologen und Kirchenführer auf Brunner berufen würden! Dass Brunner also zum theologischen Steigbügelhalter für eine nationalistisch-völkische Theologie werden könnte, die ihre Berechtigung daraus zog, dass sich Gott fortlaufend in der Natur und in den Veränderungen der Geschichte offenbart. Tatsächlich wurde Brunner in Deutschland zitiert, obwohl er sich klar und deutlich von einer «falschen natürlichen Theologie» und einer «falschen Naturtheologie» distanziert hatte, auf die sich die nationalsozialistischen Deutschen Christen beriefen. In Deutschland wirkte zudem die «Theologie der Schöpfungsordnungen» von Martin Luther über den liberalen Protestantismus des 19. Jahrhunderts nach, wonach Gott innerhalb seiner Schöpfung Ordnungen wie Familie, Kirche und Staat geschaffen habe, um damit dem Chaos zu wehren. Die grosse Sorge Barths war, dass Brunner mithelfe, dass in Deutschland mit kirchlichem und theologischem «Segen» Staat und Führer zu einem politischen Modell Gottes erhoben werden könnte.

Waren die beiden Theologen tatsächlich so weit voneinander entfernt, wie das dezidierte Nein von Barth vermuten lässt?
Eigentlich nicht! Obwohl die lange Freundschaft der beiden 1934 abrupt endete, betonte Brunner das Gemeinsame ausdrücklich, wenn er im Schlusswort der zweiten Auflage von «Natur und Gnade» im Januar 1935 schrieb: «Eine falsche Naturtheologie bedroht gegenwärtig die Kirche bis auf den Tod. Dass es hier mit ganzer Leidenschaft, Kraft und Besonnenheit zu kämpfen gilt, hat uns keiner so deutlich wie Karl Barth gelehrt.»
In den wesentlichen theologischen Grundaussagen und in der Denkmethode verbindet diese beiden dialektischen Theologen eine weitgehende Gemeinsamkeit. Gottes in der Bibel bezeugte Offenbarung war beiden der unverrückbare Ausgangspunkt aller Theologie. Dass es allerdings eine richtige theologia naturalis gibt und dass die Kirche diese nicht vernachlässigen darf, das konnte Karl Barth nie nachvollziehen.

Welchem der beiden Theologen stehen Sie selbst näher?
Das kann ich nicht so einfach sagen. Die früheren Zeiten der Schultheologien haben wir hinter uns gelassen, in denen sich die Pfarrer tatsächlich der Schule eines Theologen wie zum Beispiel Barth oder Brunner zurechneten. Ich verdanke jedem von beiden wichtige Impulse, nicht nur für das Denken, sondern auch für den Glauben.
Zu Barth: Die «Barmer Erklärung» ist für mich ein absolut zeitlos gültiges Dokument, das uns auch in den gegenwärtigen Unsicherheiten einer – auch religiösen! – Multioptionsgesellschaft den Kompass zu einem mutigen, profilierten Bekenntnis des Glaubens geben kann. Die dortigen «Verwerfungen» (also auch Nein-Aussagen) halte ich nach wie vor für aktuell. Sie lassen sich gerade dort anwenden, wo wir als Kirche in der Versuchung der Anpassung und Anbiederung an Trends und Meinungen stehen.
Dass Karl Barth die Inkarnation Gottes nicht konsequent bis in die tiefsten Tiefen der Menschlichkeit hinein-
gedacht hat, rückt ihn in die Nähe der altkirchlichen
Monarchianer und Modalisten. Für sie war das «Allein (und) nur Gott» wichtiger als die trinitarisch differenzierte Gottesgemeinschaft. So konnte auch Barth immer wieder formulieren, Gott sei zwar schon Mensch und Fleisch geworden, aber sei doch Gott und Geist geblieben. Gott habe unsere Welt nur berührt wie die Tangente einen Kreis.
Diese Zurückhaltung kann ich so nicht nachvollziehen. Offensichtlich war es (aber) gerade diese Überzeugung, die ihn Brunners Anliegen ablehnen liess: «Der Heilige Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht und also als Gott offenbart und geglaubt ist, bedarf keines Anknüpfungspunktes als dessen, den er selbst setzt. Man kann über sein ‚Anknüpfen’ beim Menschen immer nur rückwärtsblickend reflektieren und dieser Rückblick wird immer und ausschliesslich der Rückblick auf das geschehene Wunder sein9.»
Zu Brunner: Dass er gründliche Theologie mit missionarischer Seelsorge verknüpfte und beides in eine dialektische Spannung zueinander setzte, fasziniert an seiner dreibändigen «Dogmatik» bis heute. Bereits 1938 erschien «Wahrheit als Begegnung», 1961 folgte «Offenbarung und Vernunft». Schon diese beiden Titel zeigen das Bemühen von Brunner, das Einzigartige und Unverwechselbare der Offenbarung Gottes in die Geschichte hinein von jeglicher philosophisch-wissenschaftlichen Spekulation abzugrenzen, als «Wahrheit Gottes» tiefgründig zu bedenken und so verstehbar wie möglich zu bezeugen.

Der seelsorgerliche Charakter seiner Theologie erweist sich besonders in seiner auch für gebildete Laien verständlichen dreibändigen Dogmatik.

Macht die damalige Kontroverse aus heutiger Sicht noch Sinn?

Ganz abgesehen davon, dass der Streit der beiden vor allem auch durch die politischen Umwälzungen mitbestimmt und gewiss auch verschärft wurde, ist er ein Lehrstück für gründliche theologische Auseinandersetzung um die Wahrheit und für die Notwendigkeit, dass christlicher Glaube immer beides aussagt: Ja und Nein!
Bekennen und verwerfen (siehe Barmen 1934), glauben und nicht glauben, annehmen und ablehnen – mir scheint, vielen Christen in unserem Land ist diese Dimension der Nachfolge Christi kaum vertraut und wohl auch nicht willkommen! Gewisse Einladungen für christlich-fromme Anlässe der letzten Jahre kommen in Form, Stil, Aufmachung und Inhalt häufig so daher, als ob Christsein lediglich ein cooles Abenteuer sei, ein fetziger Event und ein lockerer Job voller Lust und Fun, getragen von einer immerwährenden Worship-Stimmung. Christsein kann das alles ja auch mal beinhalten, aber so langsam merken wir, dass je länger je mehr Positionen und klare Profile gefragt sind.
Die Millionen gegenwärtig verfolgter Christen führen uns vor Augen, was Nachfolge Jesu kosten kann, weil das Ja kein Nein und das Nein kein Ja ist …

Was können wir von Brunner lernen? Was hat uns Barth heute noch zu sagen?

Wir dürfen beide nicht auf ihren theologischen Disput reduzieren! Gemeinsam sind ihnen die reformatorischen «Allein» (sola)10 – und damit verbunden ein tiefer Glaube an den geoffenbarten trinitarischen Gott! Beiden gemeinsam ist auch die Liebe zum Wort Gottes als dem alleinigen Massstab für Glaube, Verstehen und Handeln, die Freude an der von Gott geschenkten vertikalen und deshalb auch horizontal möglichen Versöhnung sowie der Mut, einer liberalen und subjektivistischen Theologie eine biblisch verankerte «christliche Glaubenslehre» bzw. «kirchliche Dogmatik» gegenüberzustellen.
Das kann den gegenwärtigen Trend in unseren Kirchen unterstützen, sich wieder eindeutiger mit einem christlichen Bekenntnis in der Gesellschaft zu profilieren und – wo nötig – in der Kraft des Evangeliums Widerstand zu leisten gegen gottlose und dehumanisierende Entwicklungen – mit einem klaren NEIN!

1  Die «Natürliche Theologie» geht davon aus, dass sich Gott auch in der Schöpfung und in der Vernunft offenbart. Die Wurzeln der theologia naturalis gehen bis auf Platon zurück
2  Die für Deutschland demütigenden Anordnungen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs
3  Röm 1,19ff.
4  Röm 2,14-15
5  Das ist die (negative) Aufgabe der Eristik/Apologetik: Eristik ist die Lehre vom Streitgespräch und die Kunst der Widerlegung in einer Diskussion oder Debatte; Apologetik meint die Verteidigung des Evangeliums gegen die Argumente seiner Kritiker.
6  Das ist das (positive) Programm der «Missionarischen Theologie».
7  Die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK), meist kurz als «Barmer Theologische Erklärung» bezeichnet oder auch Barmer Bekenntnis genannt, war das theologische Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurde wesentlich von Karl Barth unter Mitarbeit von Thomas Breit und Hans Asmussen ausgearbeitet und nach einem Einbringungsreferat von Asmussen auf der ersten Bekenntnissynode vom 29. bis 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen verabschiedet (Wikipedia).
8  etwa Theologien nach dem Tode Gottes, Befreiungstheologien, feministische Theologien oder evangelikal-subjektivistische Frömmigkeiten
9  Nein. 1934, S. 56
10 Die vier reformatorischen Sola: Allein der Glaube, allein die Gnade, allein Christus, allein die Bibel.

 

Ein leidenschaftlicher Theologe
Peter Henning, 1945, Pfr. Mag. Theol., ist der ehemalige Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars Aarau. Er absolvierte nach seiner Jugend- und Gymnasialzeit in Gütersloh ein Theologiestudium in Bethel, Marburg, Zürich und Erlangen und war anschliessend
während 14 Jahren als Pfarrer in der Schweiz im Kanton Graubünden und in Aarau tätig. Danach wirkte er als Rektor und Dozent für Kirchengeschichte und Dogmatik am Theologisch-Diakonischen Seminar (TDS) in Aarau. Seit 2010 ist Peter Henning pensioniert, aber weiterhin mit einzelnen Lehraufträgen des TDS (in der Masteraus-
bildung) aktiv. Zudem arbeitet er in verschiedenen Be-reichen bei ERF Medien Schweiz mit. Er organisiert und begleitet regelmässig Kultur- und Bildungsreisen, hält Seminare zu aktuellen Fragen des Christseins und übernimmt Predigtstellvertretungen in Landes- und Freikirchen.

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