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Theologie

Gott und das Nein

Paul Kleiner In Goethes Faust sagt Mephistopheles: «Ich bin der Geist, der stets verneint!» Die Negation verbinden viele eher mit dem Teufel als mit Gott. Gott ist doch gut, er hat ein grundsätzliches «Ja» zum Leben. Dieser Gegensatz ist aber zu einfach.

 

Der Apostel Paulus schreibt: «In Jesus Christus ist das Ja Wirklichkeit geworden. Denn was immer Gott verheissen hat – in ihm ist das Ja1.» Gerade weil Gott das grosse Ja ist, lohnt es sich, auch seinem Nein nachzuspüren.

Das implizite Nein Gottes: Die Erschaffung der Welt

Die Bibel beginnt mit dem monumentalen Satz: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde2.» Das grosse Ja Gottes zur Schöpfung und zum Leben enthält gleichzeitig – wenn auch unausgesprochen (implizit) – ein Nein: Gott will nicht für sich allein bleiben, in seiner herrlichen und schönen, gerechten und harmonischen Liebe der Drei-
einigkeit. Gott sagt Nein zur Selbstgenügsamkeit. Gott sagt
Nein zum Gedanken, dass nichts ausser ihm existieren soll. Gott sagt Nein zum inneren Impuls: «Mit dieser Schöpfung handelst du dir nur Probleme und Herzeleid ein.» Nein! Gott wollte die Schöpfung. Gott wollte seine Heiligkeit und Güte über sich selber hinaus mit anderen teilen. Sein grosses Ja am Anfang der Bibel ist ein implizites Nein zum Nichts.
Im Verlauf der Schöpfungserzählung geht das dann so weiter. Gottes Rede «Es werde Licht!»3 ist sein Nein dazu, dass es immer dunkel bleibt. Gott hängt, in der bildlichen Sprache der Poesie gesagt, Sonne und Mond ans Firmament; sie sind seine Geschöpfe, die den Rhythmus von Tag und Nacht bestimmen sowie zur Unterscheidung von Licht und Finsternis dienen4. Damit sagt er Nein zum menschlichen Gedanken, die Sonne als Gott zu verehren und zum Mittelpunkt des Lebens zu machen. Auch bei der Erschaffung des Menschen sagt Gott wiederum Nein: Nein zur Einsamkeit des Menschen. «Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist5.»
Die Schöpfungsgeschichte erzählt das grosse Ja Gottes, das einmündet ins Prädikat «sehr gut», das in Gottes Ruhe und Segen zur Vollendung kommt6. Dieser Prozess schliesst ein, dass Gott scheidet und ordnet, Nein sagt zu Chaos und Durcheinander. Gott erschafft ein sehr gutes Werk und sagt damit Nein zu einem bösen oder schlechten Werk. Und: Nein zu gar keinem Werk.

Das explizite Nein Gottes: Raus aus dem Paradies!
Es dauert in der biblischen Erzählung nicht lange, bis Gott dann auch ausdrücklich Nein sagt. Er verbannt die Menschen aus dem Garten, den er für sie gepflanzt hat; er vertreibt sie aus seiner Gegenwart; er verwehrt ihnen mit dem feurigen Schwert der Kerubim7 den Zugang zum Baum, der ewiges Leben gibt8.
Die Schöpfungsgeschichte erklärt nicht, woher die Schlange kommt, warum es in Gottes sehr guter Schöpfung nun doch etwas Böses gibt oder wie Rebellion und Ungehorsam gegen den Schöpfer Eingang ins Leben der Menschen finden. Der sogenannte Sündenfall erzählt es einfach und schliesst mit Gottes Nein: Nein, so dürfen die Menschen nicht ewig leben! In diesem Zustand «wie unsereiner, dass er Gut und Böse erkennt»9 sollen die Menschen nicht ewig bleiben müssen. Das wäre unerträglich, denn die Menschen haben sich von Gott als Quelle des Guten abgewendet. Sie wollten sein wie Gott: unabhängig, selbstbestimmt, mit sich selber im Zentrum. Jahrtausende später hat Friedrich Nietzsche in seiner Erzählung vom tollen Menschen dies in eindrückliche und bestürzende Bilder gefasst: «Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? … Stürzen wir nicht rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein endloses Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? …»10 Die Menschen sind verloren ohne Gott. Sie überfordern sich selber, wenn sie kein Ja zu ihrem Mensch-Sein in ihrer Bindung an Gott finden, sondern selber wie Gott sein wollen.
Das aber darf auf keinen Fall das Ende der Geschichte sein. Zu so einem Schluss sagt Gott dezidiert Nein. Auf ewig soll diese Verlorenheit und Orientierungslosigkeit nicht andauern. Gott sagt Nein zum endlosen Irren durch ein endloses Nichts! In einem Zwischenschritt weist Gott deshalb die Menschen aus dem Paradies aus.
Exemplarisch wird an diesem ersten expliziten Nein Gottes deutlich: Es ist ein Nein in heilsamer Absicht. Es ist ein Nein um des grossen Ja willen. Weil Gott keinen Gefallen am Tod des Ungerechten hat, sondern vielmehr ein grosses Ja zum Leben11, setzt er alles daran, dass es nicht so weit kommt. So werden die Zehn Gebote und die weiteren Gesetze in der Bibel zum Nein Gottes gegen die Wege des Todes: Das Nein wird zur Leitplanke gegen den Sturz in den Abgrund, zur Barriere vor Gefahr und Verderben.

Das doppelte Nein von Jesus

Jesus von Nazareth sagt am Anfang und am Ende seiner öffentlichen Wirksamkeit Nein. Als der Teufel ihn versucht, «entgegnet» er ihm: «Fort mit dir, Satan12!» Jesus als exemplarischer Mensch sagt Ja zu Gott. Er vertraut Gott. Er geht Gottes Weg. Darum sagt er Nein zu anderen Wegen. Diese sind eben nicht gleichberechtigte Alternativen. Jesus durchschaut sie als Versuchungen. Er sagt Nein zur Selbstgenügsamkeit und Ja zur Abhängigkeit von Gott. Nein zur Selbstzentriertheit und Ja zur Ehre Gottes. Nein zu anderen Göttern und Ja zur Anbetung des einzig wahren Gottes.
Am Ende seines Lebens geht Jesus bewusst nach Jerusalem und somit auch in den Tod13. Er lehrt nicht nur Feindesliebe, sondern lebt sie auch. Er flieht nicht vor seinen Gegnern, sondern liebt sie bis zum Ende. Er sagt Nein zu Ablehnung, Hass und Gleichgültigkeit, die ihm entgegenschlagen. Er pariert die Feindschaft nicht mit Gegengewalt oder Verachtung, sondern umarmt sie mit Liebe. Jesus offenbart den Gott, dessen Barmherzigkeit Nein sagt dazu, dass ihm die Menschen davonlaufen und den Rücken kehren. Jesus verkörpert den Gott, der die Rebellion seiner Geschöpfe nicht akzeptiert. Das führt ihn ans Kreuz. Er schleudert den Menschen die Konsequenz dieser Rebellion, nämlich den Tod, nicht ins Gesicht. Er nimmt sie auf sich. Er lässt nicht Feuer vom Himmel fallen oder pfeift eine Legion Engel heran, um die Menschen zu zerstören. Jesus ist nicht gekommen zu richten, sondern zu retten14.
Jesus geht in den Tod, weil er Nein sagt zum Gericht über die Menschen. Er nimmt das Gericht, den Tod auf sich selber. Damit die Menschen zum Leben umkehren und in die Gemeinschaft mit der Lebensquelle, mit Gott, kommen können. Wiederum geht es beim Nein von Jesus um ein grosses Ja: «Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben15.»
Haben Sie schon einmal einen IKEA-Kleiderkasten zusammengesetzt? Bei dieser Prozedur richtet man am Ende jeweils die Türen. Man sagt Nein dazu, dass sie quietschen, schief hängen oder nicht richtig schliessen. Man richtet die Scharniere, damit sich die Türen gut öffnen und schliessen lassen. Etwas Ähnliches geschieht im Letzten Gericht. Hier sagt Jesus Nein zu den Quietschtönen unseres Lebens und Ja zu einem gelingenden Leben. Allerdings kostet ihn das nicht nur ein paar Drehungen mit dem Schraubenzieher oder einige Tropfen Öl, sondern das eigene Leben. Ohne dieses Richten kommt unser Leben nicht wieder ins Lot.

Gottes Nein zum Nein der Menschen
Gottes Nein, quer durch die Bibel, ist vor allem ein Nein zum Nein der Menschen. Adam und Eva sagen Nein zu Gott: Sie horchen nicht auf ihn, und sie gehorchen ihm nicht. Sie sagen Nein zu sich selber als Menschen und wollen sein wie Gott. Sie sagen Nein zum anderen, indem sie sich vor dem anderen verstecken und ihn beschuldigen16. Die Bibel nennt dieses menschliche Nein Sünde. Eben dazu sagt dann Gott radikal Nein: um der Menschen, der Schöpfung und des Lebens willen.
Gott lädt die Menschen ein, ebenso radikal Nein zur Sünde zu sagen. Drastisch sagt Jesus: «Wenn dein Auge dich zu Fall bringt, reiss es aus und wirf es von dir. Es ist besser für dich, einäugig ins Leben einzugehen, als mit beiden Augen in die Feuerhölle geworfen zu werden17.» Diejenigen, die ihm ins Leben hinein nachfolgen wollen, sollen ihr Kreuz auf sich nehmen18. Der Apostel Petrus mahnt: «Widersteht dem Teufel19!» Schon im Alten Testament ist es dieselbe Logik: Sag Nein zum Tod um des Lebens willen. Mose beschwört das Volk Israel: «Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt; erwähle nun das Leben, damit du lebst20.»
Das geforderte Nein der Menschen zur Sünde ist nur an der Oberfläche vergleichbar mit dem Nein zu Gott. In der Tiefe sind es zwei grundverschiedene Dinge. Das menschliche Nein zu Gott wurzelt in der Lüge, der Selbsttäuschung und Selbstüberschätzung (Hybris); es schneidet sich ab von der Lebensquelle und führt in den Tod. Das Nein zur Sünde hingegen ist eine Nebenwirkung der Tatsache, dass wir als Christen im Magnetfeld Gottes leben dürfen: Wie ein Magnet richtet Gott die Menschen aus und zieht sie an; sie wenden sich ihm zu und damit von der Sünde ab. Die Energie dazu kommt vom Magneten. Er weckt die Bewegung. Der Geist Gottes bewirkt das Ja und Nein in uns Menschen: ein Ja zum Vater und zur eigenen Kindschaft sowie ein Nein zur Sklaverei21; die Zuwendung zu Gott und Abwendung vom Teufel22; ein Ja zur Liebe als «Frucht des Geistes» und ein Nein zu den «Werken des Fleisches»23.

Das endgültige Nein zum Tod als grosses Ja zum Leben
Die Vermutung am Anfang der Schöpfung war keine Täuschung: Gott hat sein grosses Ja in die Welt hineingesprochen. Er sagt Nein, damit das Ja zum Leben nicht auf der Strecke bleibt. Gott sagt Nein zum Nein der Menschen. So kommt das göttliche Ja zu den Menschen und zu seiner Welt zum Durchbruch und zur Vollendung. Der Prophet Jesaja drückt diese Vollendung so aus: «Nirgendwo wird man Böses oder Zerstörerisches tun auf meinem heiligen Berg, denn das Land ist voll von Erkenntnis des Herrn24.» Der Apostel Paulus malt das endgültige Nein mit folgenden Worten: «Als letzter Feind wird der Tod vernichtet … damit Gott alles in allem sei25.» Das entlockt dem Seher Johannes das zustimmende und bekräftigende Ja: «Amen (d.h. «So sei es!»), komm, Herr Jesus26!»

1  2 Kor 1,19-20
2  1 Mose 1,1
3  1 Mose 1,3
4  1 Mose 1,17-18
5  1 Mose 2,18
6  1 Mose 1,31-2,4
7  geflügeltes Engelwesen
8  1 Mose 3,22-24
9  1 Mose 3,22
10  gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/6 (besucht am 18.4.2016).
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Erstpublikation 1882. Aphorismus 125.
11  Hes 18,23.32
12  Mt 4,1-11 (zitiert werden die Verse 4 und 10); Lk 4,1-13
13  Johannes 11,8 zeigt klar, dass ihm die Gefahr bewusst war. Johannes 11,54 und 12,1.23 machen deutlich, dass Jesus selber «die Stunde» (seines Sterbens, seiner Verherrlichung) bestimmt hat. Vgl. auch die ganze Passionserzählung im Johannesevangelium mit dem hoheitlichen Jesus als Subjekt des Geschehens, nicht als Objekt und Opfer der anderen.
14  Joh 3,17
15  Joh 10,10
16  1. Mose 3. Im Lauf der Geschichte wird auch deutlich, dass die Menschen Nein sagen zur Schöpfung: Anstatt sie zu bebauen und zu bewahren
(1 Mose 2,15), beuten sie die Erde aus und zerstören sie.
17  Mt 18,9
18  Mt 16,24-26
19  1 Petr 5,9; vgl. Jak 4,7
20  5 Mose 30,19; vgl. Jer 21,8
21  Röm 8,14-16
22  Jak 4,5-7
23  Gal 5,19-23
24  Jes 11,9
25  1 Kor 15,26-28
26  Offb 22,20

 

Paul Kleiner ist Theologe und Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars (TDS) in Aarau. Er lebt mit seiner Frau in Winterthur.
p.kleiner@STOP-SPAM.tdsaarau.ch

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