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Film

Der Oscar, der zu verhindern gewesen wäre

Daniel Gerber Über diesen Oscar freut sich der Papst weniger als der Chefredaktor des «Boston Globe»: Der massgebende Filmpreis zeichnete Ende Februar mit «Spotlight» ein Werk aus, das die mediale Enthüllung des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche aufgreift. Hätte die Kirche mehr nach ihren christlichen Grundsätzen gelebt, wäre dieser Oscar zu verhindern gewesen.

Der Preis war nicht «nur» eine Adelung für «den besten Nebendarsteller» oder «die beste Kameraführung»: «Spotlight» wurde mit dem Oscar für «den besten Film» ausgezeichnet und errang damit den Sieg in der Königsklasse.

Eine wahre Geschichte
Der Film zeichnet die Geschehnisse in der römisch-katholischen Kirche von Boston nach. Der neue Chefredaktor des «Boston Globe», Marty Baron liest einen kurzen Bericht über den pädophilen Priester John Geoghan und seinen sexuellen Missbrauch von Kindern. Es zeigt sich, dass Erzbischof Bernard Law darum weiss, ohne zu handeln. Und so schaltet Marty Baron die Hintergrund-Redaktion «Spotlight» ein, deren Teamchef Walter Robertson (verkörpert von Michael Keaton) mit seinen Leuten die Spur des entgleisten Geistlichen aufnimmt.
Je länger das «Spotlight»-Team gräbt, desto sprachloser bleiben die Zuschauer, welche in diesem dokumentarischen Werk von Regisseur Tom McCarthy mit in die traurige Geschichte genommen werden: Bewusst vertuscht das Bistum Boston das immer stärker grassierende Unheil. Die Journalisten erarbeiten eine Liste der Schande mit 87 Namen von Priestern, die sich an Kindern vergriffen haben. Im Zuge der Recherchen gibt Spotlight-Teamchef Robertson zu, dass er schon im Jahr 1993, also acht Jahre vor dem Beginn der Aufdeckung, eine Liste mit zwanzig pädophilen Geistlichen zugeschickt erhalten habe – schon damals wäre also ein Einschreiten möglich gewesen.
Nach Veröffentlichung dieser Recherche erhielt der «Boston Globe» 2013 den Pulitzer-Preis.

Kampf gegen Mauern

Der Film zeigt dramatisch, wie die Kirche den Missbrauch nicht nur
geheim hält, sondern, als die Re-cherchen voranschreiten, mit aller
Kraft gegen dessen Veröffentlichung kämpft. «Die Kirche wird sich natürlich mit allen Mitteln wehren!» heisst ein schon früh geäusserter Gedanke. Tatsächlich sieht sich das Journalisten-Team nicht nur einer Mauer des Schweigens der Kirche gegenüber, sondern auch einer Gruppe von Anwälten, für die der Kindsmissbrauch zum einträglichen Geschäft geworden ist.
Doch die Journalisten lassen sich nicht einschüchtern. Das zeigt ein Wortwechsel im Streifen über die Kosten der Recherche: «Glauben Sie, Ihre Zeitung hat die Ressourcen dafür?» – «Ja, das tue ich! Sie auch?»

Der Skandal zieht Kreise

Während der Arbeit wird einem der Rechercheure klar: «Das passiert nicht nur in Boston, sondern auf der ganzen Welt.» Dieser Satz wurde womöglich bei der Investigation vor einem Dutzend Jahren nicht wörtlich so gesagt. Er dürfte dokumentarisch aufgrund der Skandale der letzten Jahre ins Drehbuch aufgenommen worden sein.
Denn nachdem Fälle in Irland und den USA bekannt geworden waren, kamen ab Anfang 2010 zahlreiche Delikte in Deutschland und weiteren Ländern ans Licht.

Wirkungen
Die – nun verfilmten – Gräuel von Boston brachten viel ins Rollen. Insgesamt sollen in der Erzdiözese Boston rund 90 Priester an rund 1000 Kindern und Jugendlichen schuldig geworden sein. Die Kirchenführung arbeitete die Fälle aber nicht auf, sondern begnügte sich damit, die Priester zu versetzen. Einer davon, John Geoghan, der mehr als 100 Kinder missbraucht haben soll, wurde sogar mehrfach versetzt. Erst nach der Enthüllung wurde er 2002 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt – und bereits im Folgejahr von einem anderen Häftling ermordet.
Der öffentliche Druck führte 2002 überdies dazu, dass Erzbischof Bernard Francis Law die Namen der 90 Priester preisgab.
Ein Sprecher des offiziellen Radios des Heiligen Stuhls, Radio Vatikan, bezeichnete «Spotlight» als «ehrlich». Der Film trage dazu bei, dass die Kirche in den USA ihre Sünden zugebe und die Konsequenzen trage. Der «unfehlbare» Klerus erhält in diesem Falle Nachhilfe aus Hollywood! Sollte es im Grunde genommen nicht eher umgekehrt sein?

Daniel Gerber ist freier Journalist. Er berichtet unter anderem für livenet.ch über den christlichen Glauben, bei Open Doors über die verfolgte Kirche und für die Berner Zeitung und Blick über Eishockey.

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