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Literatur

Das Nein als Ja bei Imre Kertész

Alexander Arndt «‹Nein!› sagte ich augenblicklich, sofort und ohne zu zögern, gewissermassen instinktiv, weil es inzwischen ganz natürlich ist, dass unsere Instinkte gegen unsere Instinkte arbeiten» – so beginnt Imre Kertész Roman «Kaddisch für ein nicht geborenes Kind». Das fugenhaft wiederholte Nein ist Reaktion auf eine Welt, die das Leben verneint, in der «alles Ganze zerbrochen ist». Kertész, der für sein Werk 2002 den Literaturnobelpreis erhielt, ist am 31. März 2016 verstorben.

1929 in Ungarn geboren, überlebte er die Lager Auschwitz und Buchenwald so knapp, dass seine Nummer auf einer Liste im Februar 1945 Verstorbener auftaucht. Er wolle «das Massengrab, das zwischen mir und der Welt klafft, nicht zuschütten», hält Kertész im finalen Tagebuch-Werk «Letzte Einkehr» fest, mit dem er sich in der ihm eigenen Art auf den Tod vorbereitete1.

Verneinung des Lebens
Sein Werk ist so überschaubar wie anspruchsvoll. Neben vier autobiographisch gefärbten Romanen – eine Tetralogie der Schicksallosigkeit – sowie drei «Tagebuchromanen» (1961 bis 2009) sind seine Essays zu nennen, die deutlich machen, dass «Das grosse Nein»2 seines Oeuvre nicht als Manifest des reinen Pessimismus gelesen werden darf.
Im kommunistischen Ungarn hatten die Verlagsbehörden seinen Erstling «Roman eines Schicksallosen» 1973 als «geschmacklos» eingestuft und ihm die Veröffentlichung verweigert. Kertész hatte hier seine KZ-Erfahrung als Fünfzehnjähriger forma-
lisiert und die Vernichtungsmaschinerie in betont naiver Sprache
beschrieben. Dieser Kunstgriff bezeugte die unüberbrückbare Kluft zwischen einer Allerweltssprache und dem industriellen Massenmord und karikierte die entgrenzte Vernunft totalitärer Systeme. «Schicksallosigkeit bedeutet, Menschen werden gezwungen, ein Schicksal zu
leben, das eigentlich nicht ihres gewesen ist3.»
Seine Isolation in der Diktatur thematisiert Kertész in dem Roman
«Fiasko» von 1988, was sich im da-
rauffolgenden «Kaddisch» (1990) in Form eines manischen Monologes mit Blick auf die persönlichen Beziehungen fortsetzt. In Anlehnung an Paul Celans «Todesfuge» sieht sich der Erzähler gezwungen, das ihm in Auschwitz zugedachte «Grab in den Lüften» literarisch «zuendezuschaufeln». In «Liquidation» (2003) wird schliesslich dieser Selbstmord durch verschachtelte Erzählperspektiven inszeniert, allerdings nicht aus fröhlich-postmoderner Spielerei, deren Relativismus Kertész nach eigenem Bekunden verabscheut, sondern aus Trauer um die fortgesetzte Tendenz zur Negation des Lebens. Kertész hat sie in zwei totalitären Systemen überlebt und nimmt sie nun in der zerfallenden bürgerlichen Welt wahr.

Skeptisches Ringen mit Gott
Kertész’ Nein beinhaltet daher immer auch ein Ja. Bei allem Pessimismus bleibt er der «Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes» solidarisch. Dazu gehört das skeptische Ringen mit Gott: «Kunst, die von Gott schweigt», sei keine4. Denn: «Wenn der Atheist möglich ist, ist auch Gott möglich5.» Im «Kaddisch» trägt ein KZ-Häftling dem todkranken Erzähler das Essen unter Lebensgefahr hinterher, anstatt es der Logik der Vernichtung gemäss zu behalten. Die radikale Selbstlosigkeit erklärt sich der Erzähler so, dass es etwas gäbe, «eine Idee, deren, wie soll ich sagen, Unverletzbarkeit [...] [die] einzige wirkliche Chance zu überleben bedeutet.» Er lokalisiert es u.a. im «Leben der Heiligen», denn «das wirklich Irrationale und tatsächliche Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute6.»
Dem Blick in den Abgrund zum Trotz interveniert Kertész gegen den «gefährlichen» Seelenzustand7 metaphysischer Verlassenheit: «Vielleicht hat die Welt eines solchen Innehaltens, einer solchen in geistigem Sinn aktiven Ruhepause noch nie so sehr bedurft wie jetzt. Innehalten, um die Lage zu erfassen und die Werte neu zu formulieren – sofern die Welt dem Leben überhaupt noch einen Wert beimisst8.»

1  Letzte Einkehr: Tagebücher 2001–2009, S. 62
2  NZZ 25.4.16
3  Interview mit Michael Töteberg, 2005
4  Letzte Einkehr, S. 67
5  Letzte Einkehr, S. 204
6  Kaddisch, S. 56–59
7  Letzte Einkehr, S. 49
8  Die exilierte Sprache, S. 124

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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