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Psychologie

Wer kann da schon «Nein» sagen

Dieter Bösser «Nein» ist ein einfaches Wort mit vier Buchstaben. Je nach Situation kann es äusserst schwierig sein, dieses Wort auszusprechen. Das Problem betrifft offensichtlich so vie-le Menschen, dass es etliche Bücher dazu gibt. «Nein sagen. Mein Übungsbuch für mehr Selbstbewusstsein und Freiheit», so lautet der Titel eines kürzlich erschienenen Buches. Es gibt erstaunlich viele Webseiten, die sich mit dem Problem des «Nein»-Sagens befassen.

Das Problem «Nein» zu sagen, hat mit inneren und drohenden äusseren Konflikten zu tun. «Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung» hat Oscar Wilde einmal gesagt. Er drückt humorvoll aus, was für viele Menschen mit grossem Leidensdruck verbunden ist, wenn sie es wieder einmal nicht geschafft haben, «Nein» zu sagen. Paulus gibt in Römer 7 einen Einblick in dieses schmerzhafte Dilemma, wenn er in Vers 19 schreibt: «Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.»

Ja sagen und Nein denken
Im Zusammenhang mit Sucht und Abhängigkeiten fehlt vielen Menschen die Kraft, «Nein» zu sagen. Aufgrund logischer Überlegungen ist eigentlich klar, dass der Verzicht auf Alkohol oder bestimmte psychoaktive Substanzen besser wäre. Aber es fehlt die Kraft zu widerstehen. Abhängigkeiten gibt es nicht nur in Bezug auf Substanzen. Mittlerweile kennen wir Internetsucht, Spielsucht, Arbeitssucht, Sexsucht etc. Hier geht es um das Problem, der Neigung nach einem bestimmten Verhalten nicht widerstehen zu können. Nicht «Nein» sagen zu können, wirkt sich zunehmend negativ auf die seelische Befindlichkeit und das Selbstvertrauen aus. Damit wird eine Negativspirale wirksam. «Stress entsteht, wenn ich ‹Nein› denke, aber ‹Ja› sage», meint Peter Buchenau in seinem Buch «Nein gewinnt!».
«Nein» sagen wird immer dann schwierig, wenn widersprüchliche Ziele oder Bedürfnisse aufeinander stossen und eine Entscheidung zu treffen ist. «Nein» sagen ist ein Problem, wenn ich mit Rücksicht auf meine eigenen Bedürfnisse auf eine Anfrage ablehnend reagieren will, aber zugleich Angst habe, die anfragende Person zu enttäuschen. Besonders Menschen, denen harmonische Beziehungen wichtig sind, neigen dazu, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten derer von anderen Menschen zu verleugnen. In der Psychologie spricht man von einem starken Anschlussmotiv als dem Bedürfnis nach engen und harmonischen Beziehungen zu anderen Menschen. Dieses Bedürfnis scheint bei Frauen tendenziell stärker ausgeprägt zu sein als bei Männern. Daneben spielt die Stärke des eigenen Selbstbewusstseins eine entscheidende Rolle. Selbstwertschwache tendieren eher dazu, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten derer von anderen Menschen zu verleugnen und nachzugeben. Richtig glücklich werden sie damit aber nicht.

Sich dem Konflikt bewusst stellen
«Nein» sagen hat viel mit der Bereitschaft zu tun, sich einem inneren oder (drohenden) äusseren Konflikt zu stellen. Das kostet Kraft und erfordert eine innere Freiheit bzw. ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Leben geht es darum, in unterschiedlichsten Situationen zu prüfen, ob ein «Ja» oder ein «Nein» angemessener ist. Allein das Fällen einer solchen Entscheidung ist nicht immer einfach. Viele sind sich nicht bewusst, in welchem Ausmass ihre Entscheidungen von ihren eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Defiziten beeinflusst bzw. verzerrt werden. Auch wenn jemand in einer konkreten Situation eine angemessene innere Entscheidung getroffen hat, ist es oft schwierig, diese auszudrücken und dann in die Tat umzusetzen.
«Nein» zu sagen kann man trainieren. Viele müssen es sogar, damit sie nicht immer wieder an der falschen Stelle «Ja» sagen (natürlich kann man auch an der falschen Stelle «Nein» sagen). Wie beim körperlichen Training kann man auch beim «Nein»-Sagen durch Übung stärker und kompetenter werden. Es beginnt damit, dass man in inneren Konfliktsituationen die Aufmerksamkeit auf sich selbst, die eigenen Gedanken und Gefühle richtet: Was geht da gerade in mir ab? Ausgehend von diesem Bewusstwerden ist eine Entscheidung zu treffen: Ist in der konkreten Situation ein «Ja» oder ein «Nein» sinnvoller und angemessener? Entscheidet sich jemand für das «Nein», geht es um die Frage, wie man es auf eine gute Weise ausdrücken kann, ohne dass ein unnötiger Konflikt entsteht oder eine Beziehung stark belastet wird. Auch das lässt sich trainieren.
Im richtigen Moment auf eine gute Weise «Nein» zu sagen, gehört zu einem gelingenden Menschsein dazu.

 

Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren. Er ist zudem Leiter der VBG-Arbeit unter Berufstätigen.

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