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Spurensuche

Das Böse in der Bibel

Stefan Schweyer Wer über das Böse oder gar den Bösen nachdenken will, wird früher oder später die Bibel zu Rate ziehen. Der Theologe Stefan Schweyer1 hat genau dies getan und hat auf seiner theologisch-biblischen Spurensuche erstaunliche Entdeckungen gemacht. 

 

Spuren entdecken


Die Erfahrung einer bösen Welt
Im eiskalten Universum mit glühend heissen Sternen, mitten zwischen Supernovas und schwarzen Löchern, gibt es einen kleinen Planeten, auf dem die Bedingungen vorhanden sind, dass ein Leben, wie wir es kennen, möglich ist. Doch dieses Leben ist bedroht: durch Vulkanausbrüche und Tsunamis, Schlamm- und Schneelawinen, extreme Eiszeiten und Hitzeperioden, Überschwemmungen und Dürre, Fressen und Gefressenwerden, Ebola und Aids und andere todbringende Krankheiten. Gerade lebensfreundlich kann man diese Umgebung nicht nennen!
Um leben zu können, müssen die Menschen das todbringende Chaos der Natur bändigen: den Leib verhüllen,
die Häuser befestigen, das Land kultivieren, Raubtiere und Ungeziefer fernhalten. Aber auch wenn es die Menschen zumindest teilweise geschafft haben, die Kräfte der Natur zu bändigen, bleibt ihnen immer noch die Möglichkeit, einander zu zerfleischen.
Die Bosheit, zu der Menschen fähig sind, ist unvorstellbar. Schrecklich sind die Bilder, die sie hervorbringt: das Grauen in den Gesichtern vergewaltigter und versklavter Menschen, eine auf die Perfektion des Tötens ausgerichtete Kriegsmaschinerie, vor Hunger sterbende Kinder, die schon fast zur schrecklichen Normalität gewordene Ermordung werdenden Lebens im Mutterleib, eine Welt der Massengräber und des Missbrauchs. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht sie überall – die Spuren des Bösen.
Angesichts dieser Erfahrung wird deutlich: Nicht das Böse ist die Ausnahme, sondern das Gute. Wer mit dem Bösen nicht täglich konfrontiert ist, gehört zur kleinen Gruppe von privilegierten Menschen, die zur Zeit auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Für die Mehrheit der Menschen gehört der Kampf ums Überleben zum täglichen Geschäft. Kurz: Das Böse ist der Normalfall. Die Welt liegt im Argen2. Dass wir Menschen das Böse zum Problem machen, zeigt aber, dass wir uns mit diesem Normalfall nicht einfach so arrangieren.
Eigentlich wäre es ja naheliegend, aufgrund der überwältigenden Spuren des Bösen danach zu fragen, woher denn eigentlich das Gute kommt. Denn das Gute ist das Besondere, das in dieser Welt Überraschende. Und doch treibt uns viel mehr die Frage um, woher wohl das Böse kommt. Warum stellen wir uns diese Frage? Sie muss sehr tief in uns verwurzelt sein, in einer Ahnung vom Guten und in einer grossen Sehnsucht nach einem Leben, in dem das Böse überwunden ist. Es gehört zum Besonderen des Menschseins, dass wir – gegen die überwältigende Realität des Bösen – ein Ideal des Guten in uns bewahrt haben und uns daran orientieren. Deshalb wirft das Böse in uns Fragen auf: Woher kommt es? Welcher Fuss hat die Fussabdrücke des Bösen hinterlassen?

Die Mächte des Bösen
Philosophen und Theologen haben das Böse beschrieben als «Abwesenheit des Guten»3. Damit wird klar, dass das Böse keine Existenz in sich selber hat, sondern vom Guten zehrt und abhängt. Die Spuren des Bösen zeigen aber: Da gibt es mehr als nur eine passive «Abwesenheit», da geht es um eine Macht, die Leben bedroht und zerstört. Das Böse ist aktiv am Werk. In der Bibel wird das Böse daher nicht einfach statisch beschrieben als Nichtvorhandensein von Gutem, sondern sehr dynamisch als das Wirken böser Mächte, welche die Schöpfung und den Menschen bedrohen.
Zu diesen Mächten gehört das Meer – die Urflut. Es ist in der Bibel nicht ein beschaulicher Ferienort, sondern eine Chaosmacht, die gebändigt werden muss4. Auch Ungeheuer wie Leviathan, Behemot, Rahab oder die Schlange sind nicht einfach auf einer biologischen Stammtafel einzuordnen, sie stehen für die Mächte des Bösen, die stärker sind als die Menschen5. In solchen schöpfungsorientierten Beschreibungen widerspiegelt sich die Erfahrung lebensfeindlicher Kräfte.

Das Reich des Bösen
Die Spurensuche führt uns damit von der materiellen Welt in die geistige. Schon im Alten Testament schimmert durch, dass hinter diesen Naturgestalten eine noch stärkere Kraft schlummert: eine Geistesmacht, die den Menschen verführt6 und im göttlichen Hofstaat die Gerechten anklagt7. Damit wird deutlich: Spuren des Bösen gibt es nicht nur auf der Erde, sondern auch im himmlischen Bereich. Im Neuen Testament öffnet sich der Schleier stärker. Wie Adam und Eva versucht wurden, wird auch Jesus auf die Probe gestellt. Jetzt ist aber nicht mehr von der Schlange die Rede, sondern ausdrücklich vom Teufel und vom Satan8. Er ist der grosse Drache, die alte Schlange9. Er steht an der Spitze des Reiches des Bösen. Zu seinem Reich gehören böse Geister und Dämonen, welche die Menschen plagen10.

Spuren lesen

Gott und das Böse
Wer aber hinterlässt diese Spuren des Bösen in der Natur, im menschlichen Leben und in der himmlischen Welt? Stammen diese Spuren von Gott? Kommt das Böse von ihm? Manche Bibelstellen könnten diesen Schluss nahelegen11. Wollte man diesen Gedanken aber konsequent weiterdenken, würde das bedeuten, dass der Dualismus von Gut und Böse in Gott selber angelegt und er in sich selber zwiespältig ist. Das widerspricht aber dem grossen Bild, das die Bibel von Gott zeichnet. Gott ist die Liebe in Person12. Gott ist durch und durch gut, was von niemandem sonst behauptet werden kann13. Wenn Gott etwas schafft, ist es sehr gut14. Selbst das Böse kann er zum Guten wenden15. In dieses grosse Bild eines guten Gottes muss man Stellen wie Jesaja 45,7 einordnen. Gott schafft nicht Böses, indem er es direkt verursacht, sondern höchstens so, dass es in seiner Schöpfung einen Raum gibt für das Böse. Wenn in der Bibel vom Hass Gottes die Rede ist, dann beschreibt das nicht Gottes Wesen, sondern Gottes Reaktion auf eine gefallene Welt. Gott ist nicht verantwortlich für das Böse, sondern für das Gute!
Wenn Gott selber so gut ist und nicht selber das Böse schafft, weshalb hat er dann eine Welt geschaffen, in der das Böse möglich ist? Schon der Kirchenvater Laktanz hat im 4. Jahrhundert n.Chr. das Dilemma so formuliert: Wenn Gott gütig und allmächtig ist, steht das im Widerspruch zur Wirklichkeit der Welt16. Das Dilemma ist aus meiner Sicht richtig formuliert. Gottes Güte kann grundsätzlich nicht bezweifelt werden, ebenso wenig aber auch nicht die Wirklichkeit des Bösen in der Welt. Daher muss das Konzept der Allmacht Gottes überdacht werden. Die Allmacht Gottes kann nur im Zusammenhang von Freiheit und Liebe verstanden werden. Allmacht bedeutet dann nicht, dass Gott alles und jedes Einzelding auf der Erde bestimmt und kontrolliert – dann würde wirklich alles Böse direkt von Gott stammen –, vielmehr weist Gott allem und jedem seinen Platz zu und verleiht damit auch die entsprechende Verantwortung und Freiheit. Die Schöpfung Gottes zielt auf die Liebe17. Diese Liebe setzt die Freiheit voraus, auch gegen Gott rebellieren zu können, denn Liebe lässt sich nicht erzwingen. Wer Liebe möchte, muss das Risiko von Hass eingehen. Wer keinen Hass will, müsste die Freiheit ausschalten und damit auch die Möglichkeit echter Liebe. Die Möglichkeit des Bösen ist also der Preis, den Gott zahlen musste, um Raum für echte Liebe zu schaffen. Die Realisierung des Bösen ist aber nicht in Gottes Verantwortung, sie liegt in der Verantwortung aller Wesen, die Gott mit Freiheit ausgestattet hat. Die Spuren des Bösen stammen deshalb nicht von Gott, sondern von verantwortlichen Wesen, die ihre Freiheit missbrauchen, sich gegen Gott richten und damit das Gute in das Böse verkehren.

Der Mensch, die Sünde und das Böse
Es fällt nicht schwer, in den vielen Spuren des Bösen die Fussspuren der Menschen zu erkennen. Die uns von Gott gegebene Freiheit nutzen wir offensichtlich nicht dazu, Gott und einander zu lieben, wir ziehen es vor, unseren eigenen Vorteil und unsere eigene Ehre zu suchen. Wir wollen nicht Gott als Gott anerkennen, sondern selber Gott sein. Das ist die Verlockung, welche die Menschen als freie Wesen begleitet18. Dieses Selber-Gott-Sein-Wollen ist unsere Grundsünde. Sie äussert sich als Egoismus, letztlich als Selbstanbetung. Wer sich aber ständig um sich selber dreht, wird selber verdreht. «Der in sich selbst gekrümmte Mensch» – so lässt sich das Grundwesen und das Resultat der Sünde beschreiben19. Das Böse, das wir Menschen hinterlassen, ist Auswirkung der Sünde. Die ursprünglich gute Schöpfung wird ins Gegenteil verkehrt. Schon früh kommt es in der Bibel zum Brudermord von Kain an Abel20 und schon bald darauf muss Gott feststellen: «Die Bosheit des Menschen ist gross auf Erden und alles Sinnen und Trachten seines Herzens ist allezeit nur böse21.»
Wenn Menschen Krieg gegeneinander führen, wenn Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengen, wenn ein Flugzeug von einem Suizid-Pilot zum Absturz gebracht wird, wenn Ehen getrennt werden und Freundschaften zerbrechen, dann ist nicht Gott dafür verantwortlich; es sind Menschen, die ihre von Gott geschenkte Freiheit zum Bösen missbrauchen. Es sind unsere Worte und unsere Taten, welche Spuren des Bösen hinterlassen.

Der Teufel und sein Fussabdruck
Nicht alle dieser Fussspuren des Bösen tragen menschliche Züge. Was ist zum Beispiel mit Naturkatastrophen, die nicht auf menschliche Einwirkung zurückgehen? Und was ist mit jenem abgrundtiefen Bösen, das uns zutiefst erschreckt und das menschliche Gesicht zur Fratze macht? Die Bibel führt das Böse nicht nur auf die Menschen und ihre Taten zurück, sondern letztlich auf den Teufel und sein Reich. Die Bibel schildert uns nicht eine durchgehende Biografie des Teufels. Das Hohnlied gegen den König von Babel trägt aber Züge, die gut zum Teufel passen könnten22. Er ist gefallen durch seinen Hochmut23, weil er – wie es die Menschen getan haben und tun – sich Gott gleich machen wollte24. Er verliert deshalb seinen ursprünglichen Platz im göttlichen Hofstaat als Chefankläger der Menschen und wird vom Chef-Engel Michael aus dem Himmel geworfen25. Nun herrscht er auf der Erde als «Fürst dieser Welt»26. Er ist der «Vater der Lüge» und der «Mörder von Anfang an»27. Mit seinem Dämonenheer beeinflusst er die Psyche einzelner Menschen und die Politik der Herrscher.
Vom Teufel zu reden ist in der theologischen Wissenschaft nicht populär. Wenn, dann versteht man die Rede vom Teufel als Bildsprache für die dunkle Seite im Menschen. Dass es tatsächlich böse Geister, Dämonen und Teufel gibt – diese Stufe mittelalterlichen Denkens meint man längst überwunden zu haben. Aufgeklärte, moderne Menschen glauben doch nicht, dass es den Teufel gibt! Damit leistet die Theologie aber aus meiner Sicht den Menschen einen Bärendienst. Denn das Böse wird man durch Totschweigen nicht los. Wenn wir den Teufel ausblenden, sind wir nur allzu leicht bereit, andere Menschen, Menschengruppen und Staaten zu verteufeln. Es ist gerade dieses Wissen um den Teufel, das es uns ermöglicht, Menschen zu lieben und gegen das Böse zu kämpfen. «Denn wir kämpfen nicht gegen Fleisch und Blut», sondern gegen den Teufel und seine Machenschaften28.

Kampfspuren

Die Macht Gottes
Die Bibel macht eines klar: Die Macht Gottes wird zwar durch den Teufel provoziert, bleibt aber unangetastet. Nach biblischem Verständnis ist der Teufel nicht eine gleichwertige Gegenmacht, sondern eine Stufe unter Gott angesiedelt. Er führt diejenigen an, die gegen Gott rebellieren – im Unterschied zu den Engeln, die Gott anbeten und ihm dienen. Hier wird also nicht ein dualistisches Weltbild ähnlich dem Ying-Yang-Prinzip gezeichnet: Es geht nicht um einen bösen und einen guten Gott, die sich in einem ewigen Spiel der Kräfte gegenüberstehen.
Es besteht kein Zweifel: Gott hat die Macht, das Böse zu überwinden. Die Geschichte Gottes mit der Welt und den Menschen ist voll von Spuren des Kampfes, den Gott gegen das Böse und für das Gute führt. Die Frage ist: Wie kann Gott in diesem Kampf seine Macht einsetzen und gleichzeitig die Möglichkeit echter Liebe und damit von Freiheit offenhalten? Die Antwort der Bibel lautet: Der Kampf wird nicht durch die sofortige offensichtliche Vernichtung des Bösen entschieden, sondern durch die Überwindung des Bösen von innen heraus. Die Überwindung des Bösen findet ihren Höhepunkt in der Tatsache, dass Gott seinen eigenen Sohn in unsere Welt sendet.

Die Vollmacht Jesu
Jesus Christus ist in unsere Welt gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören29. Gleich zu Beginn widersteht Jesus der teuflischen Versuchung30. In seinem Dienst zeigt sich seine Vollmacht gegen das Böse in der Austreibung von Dämonen. Auf den Vorwurf, dass Jesus durch die Macht des Teufels Dämonen austreibe, antwortet er mit einem militärischen Argument31: Wenn das so wäre, dann wäre das Reich des Bösen mit sich selber entzweit. Jesus macht klar: Die Dämonenaustreibung zeigt den Anbruch des Reiches Gottes an. Denn Jesus selber ist der Stärkere, der den Starken fesselt und die Gebundenen befreit. Die
Dämonen müssen Jesus als den Mächtigeren anerkennen und ihm Gehorsam leisten. Johann Ludwig Konrad Allendorf hat das in seinem Lied über
Jesus so beschrieben: «Jesus ist kommen, der starke
Erlöser, bricht dem gewappneten Starken ins Haus, sprenget des Feindes befestigte Schlösser, führt die Gefangenen siegend heraus. Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser.»

Die Ohnmacht des Kreuzes
Der Kampf gegen das Böse fordert Jesus alles ab. Er führt ihn bis zur Hingabe seines Lebens am Kreuz. Es wird deutlich: Das Böse wird nicht einfach dadurch überwunden, dass es mit Macht beseitigt wird, es muss – letztlich von Gott selber (!) – durchlitten und seine Folgen müssen getragen werden. Die Entmachtung des Teufels erfolgt deshalb durch den Tod von Jesus am Kreuz32. Der Ort des höchsten Scheiterns wird damit zum Ort des Sieges über den Teufel und sein Reich33. Die Auferstehung Jesu bestätigt diesen Sieg und zeigt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Aus christlicher Sicht gilt deshalb: In Jesu Tod und Auferstehung ist der Teufel prinzipiell und grundsätzlich besiegt. Gegen dieses Erlösungswerk von Jesus Christus kann der Teufel als Ankläger nicht bestehen34. Wie ein schlechter Verlierer ist der Teufel aber nach wie vor tätig und sucht, wen er verschlingen kann35. Der Kampf ist also noch nicht zu Ende, auch wenn der Sieger schon längst feststeht.

Die Umkehr
Was bedeutet das für uns Menschen? Wie und wo sind wir in diesen Kampf einbezogen? Zunächst einmal findet dieser Kampf in unserm eigenen Herzen statt. Es geht um die Grundfrage, ob wir uns Gott unterordnen, oder ob wir unser eigener Gott sein wollen und damit letztlich dem Bösen dienen. Der erste Schritt im Widerstand gegen den Teufel und damit im Kampf gegen das Böse ist die Umkehr zu Gott, die Unterordnung unter seine Herrschaft und die Reinigung von der Sünde36 – den Spuren des Bösen in unserm Leben. Wir brauchen diese Hinwendung zu Gott, weil wir aus eigener Kraft dem Bösen nicht zu widerstehen vermögen und weil unser Herz schon von sich aus zum Bösen neigt! Der Kampf gegen den Teufel besteht also zuerst darin, sich von ihm abzuwenden und sich Gott zuzuwenden. Es gehört daher zu unserm Christ-Werden, dass wir uns in Bekehrung und Taufe vom Teufel und seinen Werken lossagen und uns zu
Jesus als dem Herrn unseres Lebens bekennen.

Das Gebet
Der Kampf gegen das Böse ist aber nicht nur ein einmaliges Geschehen im Moment des Christ-Werdens, er begleitet unsere ganze christliche Existenz. Dieser Kampf ist verbunden mit der Erfahrung, dass man das Böse, das man nicht will, doch immer wieder tut37. Deshalb bitten Christen immer wieder: «Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen»38. Oder gemäss dem Morgen- und Abendsegen von Martin Luther: «Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.» Im Gebet legen Christen ihr Leben in Gottes Hände und bringen zum Ausdruck, dass sie ganz auf ihn angewiesen sind. Als Christen bringen wir unsere Sorgen vor Gott, damit wir nüchtern und freier werden zum Widerstand gegen den Bösen39.

Das Wort
Die stärkste Waffe im Widerstand gegen den Teufel ist das Wort Gottes. Jesus selber entschärft damit die teuflischen Versuchungen, wenn er sagt: «Es steht geschrieben …»40. Allerdings kann auch der Teufel Bibelstellen zitieren41 und zeigt damit, dass die Bibel auch missbraucht werden kann. In der Praxis ist von daher die Verbindung von Gottes Wort und Gottes Geist wichtig. Das ist das «Schwert», mit dem man dem Teufel entgegentreten kann42. Zum Austreiben von Dämonen braucht es keinen Hokuspokus und auch keine magischen Praktiken, es genügt das einfache, glaubensvolle und vollmächtige Wort43. So war es bei Jesus, und so ist es bis heute. Dementsprechend werden am Ende die diabolischen Kräfte durch den göttlichen «Hauch des Mundes» und das «Schwert, das aus dem Mund hervorkommt» überwunden44. Es ist so, wie Martin Luther gedichtet hat: «Ein Wörtlein kann ihn (Satan) fällen45.»
Die Tat
Wer Christus nachfolgt, dem kann das Böse nicht gleichgültig sein. Befreit von der Macht der Sünde, erfüllt
vom Heiligen Geist und gewappnet mit dem Wort Gottes sind die Christen dazu gerufen, die Macht des Bösen zu durchbrechen. Sie tun es, indem sie nicht Böses mit
Bösem vergelten, sondern nach dem Vorbild ihres Herrn das Böse ertragen und erdulden und mit Gutem über-
winden46. Dazu gehören das Segnen derjenigen, die üble Nachrede betreiben, die Fürbitte für die Verfolger und
die Liebe zu den Feinden47. So wird im Leben von Christen im Ansatz erfahrbar, dass dort, wo Gottes Geist wirkt, die Macht des Bösen gebrochen ist und Gutes wachsen kann.

Das Ende der Spur

Die Überwindung des Bösen
Es wird der Moment kommen – davon sind die biblischen Autoren überzeugt – wo der Kampf Gottes gegen das Böse für immer zu Ende sein wird. Der Teufel und seine Mitstreiter werden dann endgültig besiegt sein und in den «Feuersee» geworfen, wo sie in alle Ewigkeit gepeinigt werden48. Der himmlische Richter sorgt also letztlich für endgültige Gerechtigkeit und bringt alles wieder ins Lot. In der ersten Schöpfung haben die Chaosmacht des Meeres und die bedrohliche Dunkelheit der Nacht noch ihren begrenzten Raum erhalten. In der neuen Welt Gottes gibt es weder das Meer49 noch die Nacht50. Die Tore des neuen Jerusalems stehen beständig offen, weil ein Schutz vor dem Bösen nicht mehr nötig ist51. In der vollendeten Welt gibt es keine Spuren des Bösen mehr, alles ist erfüllt mit der Gegenwart Gottes52. Es gibt nichts mehr, das unter irgendeinem Fluch stehen würde53, denn das ewige Leben, das von Gott ausgeht, wird alles erfassen.

Bleibt doch noch eine Spur?
Und was ist mit der Hölle? Wie kann die neue Welt Gottes restlos gut sein, wenn es parallel dazu einen Ort gibt,
wo der der Teufel und seine Nachfolger für immer gequält werden? Manche Ausleger der Bibel versuchen, dieses Problem so zu lösen, indem sie die Hölle zeitlich begrenzen. Mir scheint das problematisch zu sein, denn es geht nicht an, die Ewigkeit der neuen Welt anders zu fassen als die Ewigkeit des Feuersees. Andererseits scheint mir auch deutlich zu sein, dass der Feuersee nicht Teil der neuen Welt Gottes ist. Vielmehr ist die Hölle ganz von Gott getrennt. Am ehesten kann ich mir die Hölle als Vollendung der Sünde vorstellen. Hier wird
der Egoismus auf die Spitze getrieben, das «In-sich-
gekrümmt-Sein» wird zum ewigen Zustand, aus dem es kein Entkommen gibt. Die Hölle stelle ich mir ähnlich vor wie das astronomische Phänomen eines «Schwarzen Lochs», aus dem keine Information mehr nach aussen dringt. Die Hölle wirft keinen Schatten auf die neue Welt, es gibt keine Kommunikation nach aussen, sie hat keinen Einfluss auf diejenigen, die in Gottes Gegenwart sind und kann bei den Erlösten keine Gedanken der Trauer oder Sorge auslösen. Die Hölle ist nur für diejenigen eine Realität, die sie erleben. Für alle andern – also für alle, die zu Gott und seinem Reich gehören – existiert nichts mehr ausserhalb der neuen Welt, die – wie Gott – vollkommen gut ist, ohne irgendeinen Schatten und ohne eine Finsternis54. In diesem Sinne gilt: In der neuen Welt Gottes wird es keine Spur des Bösen mehr geben – und das in alle Ewigkeit!

 

1  Quellen: Von folgenden Büchern habe ich besonders profitiert:
C. S. Lewis, The Problem of Pain, 1940 und The Great Divorce, 1945; Henri Blocher, Evil and the Cross. An Analytical Look at the Problem of Pain, 1994; Greg Boyd, Satan and the Problem of Evil, 2001; Klaus Berger, Wozu ist der Teufel da, 2001. Wertvolle Hinweise zur Thematik habe ich auch von meinem Kollegen Prof. Dr. Johannes Schwanke erhalten.
2  1 Joh 5,19; Gal 1,4
3  Das Konzept des Bösen als «privatio boni» (Abwesenheit des Guten) findet sich schon bei Augustinus (Enchiridion Kap. 11) und durchzieht die gesamte Theologiegeschichte bis hin zu Karl Barths Konzept des Bösen als das Nichtige (KD III/3).
4  1 Mose 1,2; Hiob 26,12; Ps 74,13; Spr 8,29; Jes 51,10
5  1 Mose 3; Hiob 40,15–32; Ps 74,14; 89,11; Jes 27,1; 51,9
6  1 Mose 3
7  Hiob 1–2; Sach 3,1–2
8  Mt 4,1–11
9  Offb 12,9; 20,2
10  Mt 9,32; 12,27 15,22
11  Hiob 2,10; Jes 45,7; Am 3,3–8
12  1 Joh 4,16
13  Lk 18,19
14  1 Mose 1,31
15  1 Mose 50,20
16  Laktanz, Vom Zorne Gottes, Kap. 13.
17  5 Mose 6,5; Mt 22,37–39
18  1 Mose 3,5
19  Die Beschreibung des sündigen Menschen als «homo incorvatus in se» (der in sich gekrümmte Mensch) geht auf Augustinus zurück und wird auch von Martin Luther (WA 56, 304, 25–29) verwendet.
20  1 Mose 4
21  1 Mose 6,5
22  Jes 14
23  V. 11
24  V. 13–14
25  Offb 12,7–9; vgl. Lk 10,18
26  Joh 14,30; 16,11
27  Joh 8,44
28  Eph 6,11–12
29  1 Joh 3,8
30  Mt 4
31  Mt 12,24–29
32  Hebr 2,14
33  Kol 2,15
34  Röm 8,33
35  1 Petr 5,8
36  Jak 4,7–8
37  Röm 7,19
38  Mt 6,13
39  1 Petr 5,6–8
40  Mt 4
41  V. 6
42  Eph 6,17
43  Mk 1,25; 5,8; 9,25
44  2 Thess 2,8; Offb 19,15–21
45  Martin Luther, Lied: Ein feste Burg ist unser Gott
46  Röm 12,17.21
47  Mt 5,44; 1 Petr 3,9; Röm 12,14
48  Offb 19,21; 20,10; 21,8
49  Offb 21,1
50  Offb 21,25; 22,5
51  Offb 21,25–27
52  Offb 21,1–4.23; 22,5
53  Offb 22,3
54  Jak 1,17

 

Stefan Schweyer ist Dozent für Praktische Theologie an der Staatsunabhängigen
Theologischen Hochschule Basel (STH Basel).

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