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Kirchen

Kulturbruch

Peter Schmid Staaten, die homosexuellen Paaren Ehe-Rechte geben, ändern nicht nur ihre Rechtsordnung, sie brechen mit den Grundlagen ihrer Zivilisation. Die Kirchen leiden darunter. Dies lässt sich am epochalen Urteil des Obersten Gerichts der USA ablesen.

Das Urteil des Supreme Court in Washington, am 26. Juni mit der knappsten Mehrheit (5:4) ergangen, spiegelt den Zerriss und Kulturbruch, den westliche Gesellschaften mit einer Neu-Definition der Ehe auf sich nehmen. Die Mehrheit entschied, alle US-Bundesstaaten hätten gleichgeschlechtlichen Paaren Ehe-Papiere auszustellen. Die vier unterlegenen Richter zerzausten das Urteil1. Sie sprachen von der Hybris, mit einem Erlass soziale Transformation durchsetzen zu wollen, und sahen schwere Schäden fürs US-Rechtssystem und das Staatsgefüge voraus. Fünf Juristen hätten sich angemasst, die politische Debatte, die in den 50 Bundesstaaten unterschiedlich verlaufen war2, zu beenden.

Missverständnisse
Mit der Behauptung, die Freiheit und Würde gleichgeschlechtlich lebender Menschen sei unzumutbar eingeschränkt, wenn ihre Partnerschaften nicht landesweit als Ehen anerkannt würden, nahmen die Kläger die Richtermehrheit für sich ein. Für die Minderheit hielt Richter Thomas fest, der Staat könne Würde nicht verleihen, da sie angeboren sei. Das Urteil drohe die Religionsfreiheit – Eckstein der US-Identität – zu ruinieren3. Die Kläger «missverstehen die Institution Ehe, wenn sie sagen, sie würde ‚wenig bedeuten‘ ohne Anerkennung seitens der Regierung».4
Dies zeigt an: Umgestürzt wird nicht nur das Verständnis der Ehe (und damit der Familie), sondern auch jenes des Staats. Das Verhältnis von Ehe und Staat zueinander ändert sich tiefgehend, wenn dieser sich anmasst, die Ehe kurzerhand anders zu definieren: «Das Gericht übersieht nicht bloss die gesamte Geschichte und Tradition unseres Landes, sondern verleugnet sie5.» Wie sollen, fragte der Chief Justice Roberts, die Bundesstaaten die Ehe als Verbindung zweier Personen aufrechterhalten, wenn die Geschlechterpolarität aus der Definition entfernt worden ist? In historischer Perspektive sei der Sprung zur Same-Sex-Marriage ungleich grösser als die Anerkennung polygamer und polyamorer Verbindungen6.

Geschlechtslose Ehe
Hierzulande arbeitet das Justizdepartement Vorschläge zur Reform des Familienrechts aus. An einer Juristentagung zu diesem Thema am
24. Juni 2014 in Freiburg sagte Prof. Andrea Büchler, die Rechtsform der Ehe vermöge keine Stabilität und Dauerhaftigkeit mehr zu garantieren; sie sei auch nicht Bedingung für das Kindeswohl. «Liebe und Zusammenleben verweisen nicht mehr auf die Ehe7.» Diese solle künftig nicht mehr Grundlage des Familienrechts sein. Das Recht solle bei Partnerschaften nicht mehr aufs Geschlecht achten8.

Die Kirchen sind gefragt
Im August sind angehende und ordinierte Berner TheologInnen vorgeprescht. In einem Papier, das mit der Bibel spielt, behaupten sie, für ein «lebensförderliches Miteinander» in der Ehe sei das biologische Geschlecht nicht zentral. Doch aus der Freiheit, anders als heterosexuell zu leben, ergibt sich kein Anspruch, solche Lebensweisen in die Ehe-Definition aufzunehmen. Der Ehe-Schein für nicht-heterosexuelle Paare wäre kein Fortschritt für die Ehe. Aus Sicht der Bibel ist klar: Einander ergänzend gestalten Mann und Frau Gottes Schöpfung. Mit eigenen Kindern widmen sie sich ihrer Zukunft. Der Auftrag gilt, auch wenn die Praxis nicht ans paradiesische Ideal heranreicht.
Die Schweizer Reformierten sind gefordert, klar Stellung zu beziehen. Es wäre fatal, würden die Verantwortlichen der Kirchen im Verlangen, als progressiv zu gelten, mit der biblisch-abendländischen Tradition brechen9. Sie würden damit den in der Gesellschaft überwiegenden Wunsch nach (heterosexueller) Ehe und Familie abwerten, der Verwirrung Vorschub leisten, ökumenische Gespräche abwürgen und familienethisch bedeutungslos werden.

www.supremecourt.gov/opinions/ 14pdf/
14-556_3204.pdf. Dissenting opinions sind Teil des offiziellen Texts von 103 Seiten.
2  35 Bundesstaaten führten Volksabstimmungen durch, 32 bekräftigten dabei die traditionelle Definition der Ehe.
3  Thomas, S. 16: «…potentially ruinous consequences for religious liberty».
4  idem S. 11
5  Chief Justice Roberts, S. 22
6  idem S. 20f; polygam = Ehe mit mehreren Partnern bzw. Partnerinnen; polyamor = freie, nicht monogame Liebe
7  Fampra 4/2014, S. 798
8  idem, S. 799f.
9  Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) befürwortete 2005 das Partnerschaftsgesetz. Doch wurde damals «jede
Vermischung oder Identifikation» von Homo-Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe angesichts ihrer «Einzigartigkeit als Lebensform und Rechtsinstitut» abgelehnt.

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW

peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

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