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Theologie

«Geld» aus biblischer Sicht

Peter Henning Die Bibel sagt viel – vielleicht mehr als uns lieb ist – über Geld, Eigentum und Besitz, deren Einfluss auf uns und den richtigen Umgang damit. Der Theologe Peter Henning fasst die wichtigsten Aussagen zusammen. 

 

«Wer das Geld liebt, wird vom Geld niemals satt. Und wer den Reichtum liebt, ist unersättlich nach Gewinn1In jüngster Zeit wurde uns die Wahrheit dieser altjüdischen Weisheit in bisher nie dagewesener Intensität und Radikalität vor Augen geführt. Das globale Ausmass und die Internationalität der Art, wie seit den achtziger Jahren mit Geld jongliert wird, gelangten erst durch die Finanzkrise von 2008 ins allgemeine Bewusstsein. 

Auch Christen werden von diesen Zusammenhängen herausgefordert. Wir wollen deshalb wichtige Aspekte der jüdisch-christlichen Denk- und Handlungsgrundsätze in Sachen Geld entfalten und deren Aktualität zumindest andeuten. 

 

1. Irdische Güter sind wertfrei – der normale Alltag

Geld, Besitz und Reichtum gehörten in biblischen Zeiten zum normalen Alltag2. Handel und Wandel, kaufen und verkaufen, verdienen und bezahlen, sparen und ausgeben, viel oder wenig Geld haben, Geld und Besitz erwerben und dabei reich werden – all das war in keinster Weise anrüchig, schlecht oder böse. Die Armut wurde in Israel nie idealisiert. 

Deshalb erzählt die Bibel ohne jegliche Kritik auch von reichen, wohlhabenden und wirtschaftlich erfolgreichen Menschen, Sippen und Stämmen: Abraham3, Isaak4 und Jakob waren allesamt reiche Beduinen. So wird geradezu genüsslich vom Zuchterfolg Jakobs berichtet: «Daher wurde er über die Massen reich und hatte viele Schafe, Kamele und Esel sowie Mägde und Knechte5 Vor dem Auszug aus Ägypten gebot Gott den Israeliten sogar, sich von ihren Nachbarn silbernen und goldenen Schmuck mitgeben zu lassen6. Dem Reichtum gehen oft schwere Zeiten und menschliches Versagen voraus wie bei Jakob, Josef, Israel in Ägypten und in der Wüste, David, Hiob oder Daniel. Umso bewusster werden dann Landbesitz und Reichtum als Gaben erkannt, mit denen Gott seine Bundestreue beweisen will7. Wenn Israel in der Wüste «ein Land, wo Milch und Honig fliessen» verheissen wird, will Gott nichts weniger als die Basis für erfolgreiches Arbeiten in Landwirtschaft und Handwerk, wirtschaftliche Stabilität, Wohlstand, Lebensfreude und Lebensgenuss schaffen8. Der Reichtum von König Salomo wird – mit Herkunftsangaben – kritiklos aufgelistet9. Und wenn eine Ehefrau, Mutter und Hausfrau durch ihr fleissiges Geschick Hab und Gut ihrer Familie sichert und mehrt, dann ist das lobenswert10. Reichtum, Klugheit und Weisheit gelten als sichtbare Zeichen göttlichen Segens und als Folge eines gottesfürchtigen Lebens11. Besitz in Form von Land und Häusern, Weinbergen und fruchtbaren Äckern, Geld und Schmuck sind üblich, wie etwa bei den Propheten Amos und Jeremia12. Gott verheisst Israel sogar nach dem Exil wieder Gutes: Als Zeichen des neuen Bundes werde es wieder eine florierende Wirtschaft geben, wo «man Äcker um Geld kaufen, verbriefen und versiegeln wird13.» Deshalb erstaunt es nicht, dass später viele Glieder der jungen jüdischen Christengemeinde in Jerusalem reich an Geld und Land waren, wie der Levit Josef Barnabas oder Ananias und Saphira14.     

Geld gehört in der Bibel zum normalen Alltagsgeschäft. Seinem Wesen nach wertfrei und nicht schon böse an sich, dient es dem Warenaustausch und der Warenverteilung. Geld, Besitz und Reichtum sind sichtbare Gaben göttlichen Segens!

 

2. Irdische Güter sind wertvoll – das grosse Glück

Irdische Güter wie Wertmetalle – Gold, Silber, Kupfer – und später das geprägte Geld haben in der Bibel einen Wert, der über den Marktpreis hinausgeht. Das Doppelgebot der Liebe öffnet uns den Blick für diesen «göttlichen Mehrwert», den Jesus in einem Streitgespräch einprägsam formuliert hat: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist 15

Die Nächstenliebe äussert sich darin, dass der Staat
bekommt, was er zur Aufrechterhaltung von Ordnung,
Sicherheit, Handel, Verkehr, sozialen Aufgaben und
Kommunikation braucht, nämlich Steuern. Materieller Reichtum ermöglicht es darüber hinaus, individuell
dem Nächsten Gutes zu tun16. Wer seinen Besitz teilt
und auf Luxus
zugunsten Bedürftiger verzichtet, ohne auf Rückzahlung mit Rendite zu spekulieren17, dessen Geld wird mehrwertig, weil es nicht nur Not lindert und Leben rettet, sondern dem Bedürftigen die Menschenwürde zurückgibt. In seiner Radikalität will Jesus unseren Reichtum nicht entwerten, sondern aufwerten – als Mittel zur Ausbreitung des Reiches Gottes, das sich in «Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist» auswirkt! «Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und den Menschen wert18.» Wo sich Menschen so «verausgaben», gibt es nachhaltige positive Veränderungen19.  

Die Gottesliebe zeigt Israel mit seinen Abgaben für den Tempel und die Synagogen. Die Ursprünge dafür (Zehnter, Kollekte, Tempelsteuer, freiwillige Sondergaben) gehen zurück in die Zeit der Wüstenwanderung. Dort überrascht uns Gott als einer, der offensichtlich ein unverkrampftes Gefallen an Edelmetallen, Edelhölzern, wertvollen Kleidern und prunkvollem Schmuck hegt. Die von ihm erwarteten Opfergaben zum Bau der Stiftshütte20 und deren Ausgestaltung21, wie auch für die Bekleidung der Priester22 und die Ausstattung des Jerusalemer Tempels23 belegen, dass sich Gott an seiner Schöpfung freuen will, sowie an allem, was Natur und Kultur zur Begegnung mit seinem Volk beitragen können! Deshalb werden für den aufwendigen Tempelbau umfangreiche Lieferverträge und Geschäfte abgeschlossen24.

 

3. Irdische Güter sind wertlos – das grosse Dilemma

Die Bibel weist jedoch auch unmissverständlich auf die Ambivalenz von Geld, Reichtum und Besitz hin und fordert eine konsequente «Weissgeldstrategie». Die Herkunft des Geldes muss immer sauber, also durch Fleiss, ehrliche Arbeit, verantwortungsvolles Wirtschaften und in sozial gerechten Strukturen erworben sein. Es gilt die Weisheit «Besser wenig mit der Furcht des Herrn als ein grosser Schatz, bei dem Unruhe ist. Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht. – Das Wenige, das ein Gerechter hat, ist besser als der Überfluss vieler Gottloser25 Wer dagegen Gottes Massstäbe für fairen Handel26 missachtet, steht unter dem Fluch. Ihm wird mit schrecklichen Visionen permanenter Misserfolg angedroht27. Damit warnt Gott eindringlich vor der Versuchung, irdische und materielle Güter nicht mehr als Gottes Gabe zu sehen. Gottvergessenheit bringt das soziale Gewissen zum Schweigen. Kompromisslos geisseln die Propheten im AT und viele Texte im NT die gnadenlose Unbarmherzigkeit als schamlose Gottlosigkeit28. Geld, Besitz und Reichtum werden mittel- und langfristig immer zum Fallstrick, wenn sie unrechtmässig auf Kosten anderer erworben, verantwortungslos für den eigenen Luxus verschwendet, egoistisch bis ins Unermessliche gehortet und als Lebenselixier vergöttert werden. 

Reichtum und Geld sind eine permanente Gefahr für die Reichen und für die ganze Gesellschaft! Gier, Habsucht, Hochmut und Hartherzigkeit verführen zu korrupten Grenzüberschreitungen, zu einem egozentrischen, unersättlichen und geradezu geldsüchtigen Lebensstil29 – und verursachen soziale Verwerfungen. Leute wie der reiche Kornbauer oder der reiche Mann, der Lazarus sterben lässt leben ebenso auf dem Holzweg wie diejenigen, die mit religiösen Bedürfnissen ihre überrissenen Geschäfte machen30. Im Urteil Jesu sind diese irdischen Schätze absolut wertlos. Was für ein Dilemma ewigen Ausmasses31

«Geld regiert die Welt», sagt man. Und wer regiert das Geld? Wenn nur noch Geldgier das Geld regiert, die Geldsucht alle guten Sitten verdirbt und der Geldhunger allen Anstand hemmungslos vernichtet, dann herrschen die Götzen Mammon und Habsucht32. Sie treiben an zur kapitalistischen Profitmaximierung und Gewinnoptimierung um jeden Preis und gaukeln vor, dass viel Geld Freiheit, Einfluss, Image, Lebensgenuss und grenzenloses Glück bedeute. Aber sie verursachen gleichzeitig gefährliche Vermögensumschichtungen und absurde Ungleichheiten: «Die 2,1 Prozent Reichsten besitzen in der Schweiz gleichviel wie die restlichen 97,9 Prozent. – Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel Vermögen wie die ärmsten 3,6 Milliarden, was der Hälfte der Menschheit entspricht33 So entsteht ein Mangel an Gütern wie Essen, Kleidung, Wohnung, sauberes Trinkwasser, Arbeit und Bildungschancen! Das gegenwärtige globale Problembündel sozialpolitischer Ungerechtigkeiten beweist, wie entwertend, ja wertvernichtend unrecht erworbenes Kapital wirkt.

 

4. Wertbeständiges Gut – der neue Horizont

Jesus Christus öffnet eine völlig neue Finanzperspektive durch eine tiefgreifende Befreiung von aller Faszination und Macht des Geldes. Er reiht sich ein in den Kreis sozialkritischer Propheten vor ihm, als er sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Nazareth als der zu erkennen gibt, der von Jesaja vorausgesagt worden ist34. Das Reich Gottes ist seitdem «mitten unter uns». Wie im AT Jahwe als befreiender König der Gerechtigkeit gegen Armut und Ungerechtigkeit auftrat35, so setzt Jesus als endzeitlicher Messias die Verkündigung und Umsetzung des göttlichen, ganzheitlichen Friedens (Schalom) fort. Nach Pfingsten geschieht dies durch seine Gemeinde, die sich in Solidarität und Gemeinschaft mit den Armen und Notleidenden verschenkt36. So agiert die Kirche Jesu Christi auf dem Markt der Welt! 

Jesus bietet eine neue Lebensperspektive an, indem er eindringlich warnt vor dem verlogenen «Mammonsglauben», man könne sich mit Geld alles Glück der Welt kaufen: «Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon37.» In der Nachfolge Jesu können auch Christen weiterhin über viel Geld verfügen. Aber sie sehen und lieben es nicht mehr als absoluten Lebenssinn. Es gilt: Reich, reicher – jetzt reichts. Dies zeigt sich etwa bei Zachäus! In Jesu Seelsorge wird er klug und stellt seine Finanzaktivitäten entsprechend um: Nicht mehr Korruption, sondern von jetzt an Sozialinvestition38. Zachäus bleibt relativ reich, bezieht aber seine Identität nicht mehr von seinem Bankkonto und Haben, sondern vom Reichtum erlebter Barmherzigkeit, Güte, Gnade und Liebe Gottes39. Er hat nun das ewige «Bürgerrecht im Himmel40».

Wertbeständiges «Kapital» lässt sich also dann «erwerben», wenn wir dem dreifaltigen Gott dienen! Der Heilige Geist wird es nämlich nicht zulassen, dass Geld unseren Charakter verdirbt! Vielmehr bekommt unser Geld einen dienenden Charakter. Reichtum und Besitz verwandeln sich in Mittel der Nächstenliebe. Das meint Jesus, wenn er empfiehlt, mit dem «ungerechten Mammon» Freunde
zu gewinnen. Denn jede kleine und grössere Wohltat
hat nach Gottes Zusage einen ewigen Wert41. «Willst du ein kluger Haushalter sein, so gib, was du nicht behalten kannst, auf dass du empfängst, was du nicht verlieren kannst42 

 

1   Koh 5,9

2  Münzgeld wurde im 7./6. Jhdt. v. Chr. in Kleinasien eingeführt, löste aber den Naturalienhandel und Tauschhandel mit Wertmetallen zunächst nur langsam ab. Der früheste Beleg für geprägtes Geld findet sich in Haggai 1,6. Mehr dazu ausführlich: Das Grosse Bibellexikon I, S. 430-434, Brockhaus und Brunnen, 1990. 

3  1 Mose 24,35

4  1 Mose 26,12-14

5  1 Mose 30,37-43; 32,1-22

6  2 Mose 3,21-22; 11,2-3; 12,35-3

7  1 Mose 30,4

8  2 Mose 3,7f; 33,3 

9  1 Kön 10,14-29

10  Spr 31,10-31

11  Spr 10,4.22

12  Am 1,1 ; 7,14 ; Jer 32

13  Jer 32,40-44

14  Apg 2,45; 4,34.36-37; 5,1

15  Mt 22,21.37-40

16  2 Kor 8,14; Eph 4,28b; in Lk 10,25-37 legt Jesus das Doppelgebot aus 

17  Lk 14,13-14; Mt 5,40-42 

18  Röm 14,17-18; 2 Kor 9,6-15

19  Siehe das Wirken der Orden im Mittelalter, der Pioniere neuzeitlicher
Sozialdiakonie und unzähliger Christen im Kampf gegen strukturelle
Ursachen der Armut bis heute.

20  2 Mose 25,1-8

21  2 Mose 25,10 – 28,43

22  2 Mose 28

23  1 Kön 6; 7,13-51; das soll beim zweiten Tempel sogar überboten werden:
Hag 2,7-9

24  1 Kön 5,15-32; Liturgie und Innenausstattung katholischer, orthodoxer und orientalischer Kirchen sind bis heute davon inspiriert 

25  Spr 15,16; 16,8; Ps 37,8; 1 Tim 6,6-8

26  2 Mose 22,20-26; bedenkenswert z.B. 3 Mose 25,25-38 

27  5 Mose 28,15-68

28  Jes 3,11-15; Jer 5,23-31; Am 4,1; 5,11-13; 8,4-10; Hiob 24,1-4; Mt 23,14; 25,41-45; Lk 16,19-31

29  Spr 28; Jer 9,11-14; Ps 62,11; Mt 13,22; 19,22-24; Jak 5,1-6; 1 Tim 6,9-10

30  Lk 12,13-21; 16,19-31; 19,45-46

31  Mt 6,19-21; 19,21

32  Habsucht ist ein gefährlicher Götzendienst, siehe: Eph 5,3; Kol 3,5

33  Tagesanzeiger vom 14.7.2016, S.7; ideaSpektrum 6/16, S. 22

34  Lk 4,14-21

35  Ps 72

36  Röm 12,9-21; 13,8-10

37  Mt 6,19-24

38  Lk 19,8

39  1 Tim 6,17-19

40  Phil 3,20-21; Kol 3,2-10

41  Lk 16,9-13; Spr 19,17; Mt 10,42; 25,31-40

42  wird dem Kirchenvater Augustin zugeordnet. Nach ihm bedeutet «Praktizierung der Nächstenliebe das Bekenntnis des Glaubens an die Wiederkunft Christi» (aus: Gottfried Hammann, Die Geschichte der christlichen Diakonie. Göttingen 2003, S. 84f.) 

 

Peter Henning, Pfr. Mag. Theol., ist Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar TDS in Aarau.

p.henning@STOP-SPAM.tdsaarau.ch 

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