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Geld unter der Lupe

Regiert Geld die Welt?

Interview: Hanspeter Schmutz Geld an sich ist neutral, sagt man. Das Problem ist: Es gibt kein «Geld an sich». Es ist immer irgendwie in der Hand des Menschen und verliert damit seine Neutralität. «Der Umgang mit ihm», sagt der Theologe Klaus Douglass, «gerät dann entweder zum Gottesdienst oder zum Götzendienst». Der Finanzfachmann Thomas Giudici erklärt im Folgenden, was Geld ist und tut – und wie wir dafür sorgen können, dass es nicht zu unserm Götzen wird.

 

Magazin INSIST: Thomas Giudici, ein Sprichwort sagt: «Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt ungemein.» Ist das auch bei Ihnen so?

Thomas Giudici: Das ist bei mir nicht so – und wohl auch bei den meisten übrigen Menschen nicht. Der Satz ist eine der vielen Lügen, die es im Volksmund zum Thema Geld gibt. Nach meiner Erfahrung sind Menschen, die zu wenig davon haben, beunruhigt, weil sie immer Angst haben, dass es nicht reichen könnte. Aber auch jene, die viel davon haben, sind beunruhigt, weil sie befürchten, es wieder zu verlieren, weil sie betrogen und bestohlen werden oder – tatsächlich auch – weil es am Ende nicht reicht. Es gibt wenig Menschen, die einen entspannten Umgang mit Geld haben.

 

Sie selber sind also nicht beunruhigt?

Ich bin nicht beunruhigt. Das, obwohl ich selbstständig bin und Monat für Monat nicht weiss, wieviel Geld hereinkommen wird. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat sich in den 20 Jahren Selbstständigkeit aber ziemlich gelegt. Obwohl es auch bei mir Zeiten gibt, in denen ich denke: «Mein Gott, jetzt müsste schon wieder mal Arbeit hereinkommen, die auch bezahlt ist.»

 

Geld hat es ja nicht immer gegeben. Was war eigentlich vor dem Geld?

Die Menschen haben Waren miteinander getauscht. Jemand hatte Erdbeeren im Angebot, ein anderer eine frisch geschlachtete Kuh. Nun versuchten die beiden, ihre Güter miteinander zu tauschen. Nur schon dieses Beispiel zeigt, wie kompliziert das war. Man musste ja immer jemanden finden, der genau das besass, was man brauchte. Das geschah damals in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften. Die meisten waren mehr oder weniger Selbstversorger, und es gab wenig Arbeits-
teilung. Der Austausch geschah höchstens ergänzend. Heute sind wir ständig auf Dienstleistungen oder Güter angewiesen, die uns fehlen.

 

Später hat man Geld in Form von Münzen eingeführt. War das eine gute Idee?

Es war eine hervorragende Idee. So konnte man alles gegen nur noch ein bestimmtes Gut, nämlich Geld, eintauschen. Und damit liess sich wieder alles kaufen, was man wollte. Zudem: Im Gegensatz zu Fisch stinkt Geld nicht. Man kann es problemlos lagern. Geld ist ein ideales Tauschmittel.

 

Theoretisch hätte jeder Bauer Geld herstellen können. Das war aber nicht so. Wer war dazu ermächtigt?

In der Regel waren es Fürsten oder Könige, die Geld he-
rausgaben. Sie garantierten mit ihrem Kopf auf der Münze, dass dieses Geld etwas wert war. Geld muss allgemein akzeptiert und vertrauenswürdig sein, damit es als Tauschmittel funktionierte.

 

Entsprach der Wert dem Wert des Materials, aus dem es hergestellt worden war, also zum Beispiel dem für die Münze verwendeten Gold?

Das war ursprünglich so. Wobei man auch damals zuerst den Wert des Goldes bestimmen musste. Spätestens mit dem Papiergeld oder mit dem heutigen Geld, das real oft gar nicht mehr vorhanden ist, kann der Wert des Geldes nicht mehr auf diese Weise festgelegt werden. Heute muss jemand da sein, der bereit ist, dem Geld einen bestimmten Gegenwert zu geben. Der Fürst als Herausgeber des Geldes konnte diese Garantie geben. Ein Händler konnte mit einer Münze des Fürsten – wie mit einem Schuldschein – zum Fürsten kommen und dafür die entsprechende Menge Gold eintauschen. Wenn der Händler Glück hatte, war dieses Gold tatsächlich auch vorhanden. Dieses Gold hätte er dann aber wieder in Münzen umtauschen müssen. In der Praxis war das natürlich zu aufwändig. Deshalb reduzierte man das Ganze auf die vertrauenswürdige Münze.

 

Aristoteles war einer der ersten, der über Geld nachdachte. Er plädierte dafür, dass man Geld nur für Tauschhandlungen benutzen sollte und forderte, dass es bei diesem Tausch weder einen Verlierer noch einen Gewinner geben dürfe, weil sonst einer von beiden der Betrogene wäre. Für ihn waren Händler deshalb ein Feindbild. Sie leben davon, dass sie billig einkaufen und die Ware dann teuer verkaufen können. Beginnen mit dem Handel die Probleme rund um das Geld?

Eigentlich nicht. Wenn der Händler einen Informationsvorsprung hat, den Kunden bei der Auswahl gut berät oder eine weite Reise unternimmt, um ein Gut wie zum Beispiel Seide zu kaufen, dann hat er eine Leistung erbracht. Und diese soll auch honoriert werden. Aristoteles hat wohl eher an einen wirklichen Betrug gedacht: an den Händler, der bezüglich dem Gut lügt und es so über dem wirklichen Wert verkauft. Im Grundsatz darf der Händler aber einen höheren Preis verlangen, wenn er etwas dafür geleistet hat. 

 

Dieser Preis müsste aber fair sein.

Fairness ergibt sich in einem freien Markt über die Zahlungsbereitschaft des Kunden. Beim Kauf von Schuhen entscheide ich als Kunde, ob ich diesen Preis als fair empfinde. Wenn der Preis zu teuer ist, kaufe ich die Schuhe nicht. 

 

Ob dieser Preis richtig ist, ist doch auch eine Frage des Vertrauens. Mit Aristoteles würde ich sagen: Ich rechne damit, dass ich nicht betrogen werde.

Wie gut die Qualität des Schuhs und ob der Preis angemessen ist, kann der Konsument in der Regel nicht prüfen. Ein hoher Preis erweckt den Eindruck, dass die Qualität besonders gut ist. Jede Kassensturz-Sendung beweist aber, dass das nicht immer stimmt. Das Ungleichgewicht der Informationen zwischen Käufer und Verkäufer ist ein Problem. Trotzdem: Jeder Kaufakt geschieht freiwillig. Die Entscheidung liegt beim Käufer. Wenn er betrogen wurde, wird er den Laden nicht mehr besuchen. Und der zu teure Verkäufer muss seine Preise nach unten anpassen, damit die Kunden wieder kommen. So würde es idealerweise laufen. Heute können Anbieter im Internet durch die Kunden bewertet und die Preise einfacher verglichen werden; damit sind wir diesem Idealzustand des Gleichgewichtes zwischen Käufer und Verkäufer deutlich näher als früher. 

 

Das Handelsvolumen wurde mit der zunehmenden Mobilität immer grösser und globaler. Um das Volumen bewältigen zu können, brauchte man immer mehr Geld. Man suchte deshalb nach fremdem Kapital, das man sich gegen einen Zins ausleihen konnte. War diese Verbindung von Geld und Zinsen eine Art Sündenfall? Im Alten Testament gibt es ja innerhalb des Volkes Israel ein Zinsverbot. Die Kirche versuchte bis ins Mittelalter hinein erfolglos, dieses Verbot durchzusetzen. 

Der Sündenfall ist in der Bibel etwas deutlich Anderes. Dagegen ist der Zins der Preis des Geldes: Wenn ich Geld will, ohne dafür eine Dienst- oder Arbeitsleistung zu erbringen, dann muss ich etwas dafür bezahlen, und das ist der Zins. Auch aus der Sicht des Geldgebers ist das logisch: Wenn ich Geld habe, kann ich es investieren und etwas damit verdienen, es gibt mir als Reserve Sicherheit, oder es ermöglicht mir, jederzeit meine Rechnungen zu bezahlen. Wenn ich aber stattdessen das Geld ausleihe, dann verzichte ich auf all diese Vorteile und gehe erst noch das Risiko ein, dass ich das Geld nicht mehr zurückerhalte. Der Zins ist dann meine Entschädigung für diesen Verzicht. 

Die Bibel verbietet den Wucherzins. Insbesondere auch den Zins auf Zins, der eine gefährliche Eigendynamik entwickelt, hinter der keine Leistung mehr steht. Ein überhöhter Zins ohne entsprechende Leistung ist genauso falsch wie ein zu hoher Preis für Schuhe. Ob der Zins richtig ist, entscheidet wiederum der Markt. Nicht nur die Bibel, sondern auch der staatliche Gesetzgeber verbietet den Wucherzins: Seit dem 1. Juli 2016 dürfen für einen Konsumkredit nicht mehr als 10% Zins pro Jahr und 12% für Kreditkartenüberzüge verlangt werden. Zinsen darunter sind erlaubt und ökonomisch sinnvoll.

 

1907 wurde in der Schweiz von der neu gegründeten Schweizer Nationalbank erstmals eine Banknote herausgegeben. Während bei den Silber- und Goldmünzen ein gewisser Wert nur schon vom Material her gegeben war, fiel dieser Zusammenhang beim Papiergeld weg. Wie konnte man wissen, dass der aufgedruckte Wert dieses Fetzens Papier gesichert war?

Die Nationalbank war als Repräsentant des Bundes und der Kantone der alleinige Herausgeber des Geldes. Sie hielt den Gegenwert des ausgegebenen Geldes in Gold. Dieser sogenannte «Goldstandard» bedeutete, dass die Notenbank einen festen Umtauschkurs ihrer Währung zu Gold garantierte und tatsächlich jederzeit in der Lage und gewillt war, die gesamte Menge umzutauschen. Dieser Goldstandard war ab 1880 das anerkannte System in den Industriestaaten. 

 

Anfang 1970 wurde die Bindung des Geldes an das Gold aufgegeben. Warum?

Schon seit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Ein-
lösungspflicht von Banknoten in Gold von vielen Staaten ausgesetzt. Dann wurde erlaubt, dass neben Gold auch Devisen als Währungsreserven gehalten werden durften. Auch dieses System wurde wieder angepasst, so dass nicht mehr 100% durch Gold abgedeckt
werden musste und die Wechselkurse sich flexibler entwickeln konnten. Am 15. August 1971 hob der damalige US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars auf. Alle diese Lockerungen haben letztlich damit zu tun, dass die Staaten mehr Flexibilität bei der Geldmenge haben wollten, sei es um Kriege zu finanzieren oder die Wirtschaft anzukurbeln. Natürlich begriffen die Staaten und Nationalbanken schnell, wie praktisch es war, Geld beliebig zu vermehren, ohne es mit Gold hinterlegen zu müssen. Tatsächlich hat dies das Finanzsystem erheblich destabilisiert. Staaten konnten seither weitgehend ungehindert Schulden auftürmen. Die Schleusen waren offen und wurden seither nie mehr geschlossen.

 

War dies nun eine Art Sündenfall?

Nein. Damit wurden den Noten- bzw. Nationalbanken ja nur mehr Handlungsmöglichkeiten gegeben, weil die Golddeckung in verschiedener Hinsicht als problematisch angesehen wurde und nicht wie erhofft zu einer Stabilisierung der Preise und der Konjunktur beigetragen hatte. Das Entscheidende ist und bleibt das Vertrauen. Schon damals ging niemand wirklich zur Nationalbank, um dort den Gegenwert seines Geldes in Gold abzuholen. Solange dieses Vertrauen da war, musste das Gold nicht unbedingt von der Nationalbank aufbewahrt werden. Das Ausmass und die Unterschiede des Vertrauens in die nationalen Akteure und das Geld zeigen sich seit der Aufhebung deutlich in der Wertentwicklung und den Wechselkursen der verschiedenen Währungen (Stichwort «harter Schweizer Franken»). 

 

Seither können die Nationalbanken Geld drucken ohne Rücksicht zu nehmen auf die Deckung in Gold. Wie können Notenbanken überhaupt Geld schaffen oder vernichten?

Die Geldmenge wird durch die Nationalbank vergrössert, indem sie erstens Wertpapiere von den Geschäftsbanken kauft und zweitens diesen Geschäftsbanken Kredite gibt. In beiden Fällen bekommen die Geschäftsbanken zusätzliches Geld, das sie wiederum für Kredite an Unternehmungen und Private oder für eigene Investitionen einsetzen können. 

In welchem Umfang die Geschäftsbanken, Unternehmungen und Private Kredite aufnehmen, hängt von
der Höhe des Zinses ab, den sie bezahlen müssen.
Wenn die Nationalbank also will, dass mehr Geld in Umlauf kommt – d.h. mehr Schulden gemacht werden –, dann senkt sie den Zins, den die Geschäftsbanken bezahlen müssen. Diese können folglich ihrerseits die Schuldzinsen senken, so dass zum Beispiel mehr Hypotheken oder Geschäftskredite nachgefragt werden. Geld wird also zu einem grossen Teil durch mehr Schulden geschaffen. 

Damit stellt sich die Frage, warum die Nationalbank ein Interesse daran hat, mehr Geld zu schaffen. Sie macht das etwa, wenn sie die Wirtschaft ankurbeln will. Durch die Käufe der Nationalbank und durch die Vergabe von mehr Krediten haben die Banken, Unternehmungen und Privaten mehr Geld, und wenn mehr Geld vorhanden ist, wird mehr gekauft. Es werden im genannten Beispiel mehr Häuser gekauft. Wenn das Angebot die steigende Nachfrage etwa nach Häusern nicht sofort befriedigen kann, steigen die Preise und die Häuser werden teurer. Wenn für das gleiche Haus mehr bezahlt werden muss, ist das eine Entwertung des Geldes oder eben Inflation. Und damit ist das Dilemma der Nationalbank klar: Einerseits will sie die Wirtschaft durch mehr Geld bzw. Kredite stützen, andererseits muss sie aufpassen, dass sich das Geld nicht zu sehr entwertet. Zusätzlich ergeben sich auch noch Auswirkungen auf den Wechselkurs: der Schweizer Franken wird im Vergleich zu anderen Währungen billiger oder teurer, was die Exporte oder die Importe verbilligt. Eine komplexe Sache!

 

Die Geldmenge hat heute einen Wert von 568 Mrd. Franken. Sie besteht zu einem kleinen Teil von rund 66 Mrd. aus Bargeld. Der Rest ist «Buchgeld», das sind Einlagen auf den Bankkonten, also etwa die Lohnzahlungen auf unserm Gehaltskonto. Dieses Buchgeld steht nur in den Büchern der National- und Geschäftsbanken. Durch Ausleihung können die Nationalbank und die Geschäftsbanken wie oben erwähnt die Geldmenge ausweiten. Wie kann man verhindern, dass dieser Mechanismus aus dem Ruder läuft?

Die Nationalbank ist unabhängig und entscheidet eigenständig. Anders bei den Geschäftsbanken. Sie müssen eine Mindestmenge an Eigenkapital (Eigenkapitalquote von 5%) und zur Auszahlung verfügbares Geld (Mindestreserve von 2,5%) haben. Zusätzlich werden sie allenfalls weitere Reserven halten, um jederzeit zahlungsfähig zu sein. Dies ist aber immer nur ein Bruchteil des Buchgeldes. Als Beispiel: Wenn sie 100 Franken Buchgeld in den Büchern haben, haben sie zum Beispiel 10 Franken davon als Bargeld. Die übrigen 90 Franken können sie an andere ausleihen. Davon halten sie wieder 10%, und den Rest können sie weiter ausleihen. So schöpfen sie Geld. Das Anheben dieser Reservesätze ist die einzige Möglichkeit, um die Ausleihungen zu bremsen. 10% ist wenig. Heute spricht man davon, dass dieser Satz weiter erhöht werden sollte – bis etwa 30%.

 

Auch hier geht es wieder um Vertrauen. Ich muss der Bank vertrauen können, dass sie mir im Notfall mein Geld auch auszahlen könnte – und zwar sofort.

Das ist heute nur in einem kleinen Umfang garantiert. Wenn also alle gleichzeitig mit dieser Forderung zur Bank kämen, würden diese wegen Zahlungsunfähigkeit Konkurs gehen – mit dramatischen Folgen bzw. Dominoeffekten für die ganze Wirtschaft.

 

Unterdessen können wir als Konsumenten Einkäufe im Laden nicht nur mit einer Kredit- oder Debitkarte bezahlen, sondern mit einer Bezahl-App via Smartphone. Man hat den Eindruck, dass Bargeld irgendwann überflüssig wird. Das ist vielleicht bequem, aber ist es auch gut? 

Es gibt vorerst einen psychologischen Aspekt. Wenn man nicht Geld sondern eine Karte in der Hand hält, verliert man das Gefühl dafür, wieviel Geld man gerade ausgibt. Dazu kommt, dass der elektronische Geldverkehr Spuren hinterlässt. Alles, was ich kaufe, kann von jemandem eingesehen werden. Es gibt Firmen wie Amazon, die diese Daten auswerten und mir beim nächsten Besuch der Website passende Produkte anbieten. 

 

Macht Bargeld unabhängiger?

Man ist unabhängiger, weil man keine Spuren hinterlässt und weil man das Geld in der Hand hält – und nicht nur als Buchgeld auf der Bank. Man kann mit dem Geld machen, was man will, ohne kontrolliert zu werden.

 

Neuerdings gibt es Währungen, die nur digital im Internet existieren – etwa als Bitcoints. Sie funktionieren unabhängig von Banken, die Zahlungen erfolgen verschlüsselt und anonym. Jeder mit einem virtuellen Bitcoin-Konto ist Teil des Netzwerkes. Der Kurs schwankt gemäss Angebot und Nachfrage. Müssen wir uns über diese Entwicklung Sorgen machen?

Das ist ein hochkompliziertes Thema. Unterdessen gibt es Hunderte von solchen virtuellen Währungen. Sie funktionieren – wie bei dem uns bekannten Geld – nur, wenn das Vertrauen da ist, dass das Geld nicht irgendwo verlorengeht, weil es von einem Hacker geklaut wird oder das Internet zusammenbricht. Die Erfinder wollten unabhängig sein von National- oder Geschäftsbanken und ein System ohne Herrschaft einrichten. Das ist zum Beispiel bei den Bitcoins so. Hier werden die Kontogutschriften auf Tausenden von Computern gleichzeitig gemacht. Es kann also niemand etwas manipulieren – ein demokratisches System mit viel Charme! Andrerseits fehlen die Sicherheiten, die eine Bank wenigstens teilweise geben kann. Und die Kurse können extrem schwanken. Das ist darum nichts für Normalbürger.

 

Gehen wir noch zur Börse. Hier kann man aufgrund des Börsenkurses den Wert eines Unternehmens oder einer Währung sehen. Dabei gibt es zwei Entwicklungen, die Fragen aufwerfen. Der Handel mit Währungen und Wertpapieren geschieht heute teilweise automatisiert und in Sekundenbruchteilen. Im Hochfrequenzhandel will man aus ganz kleinen Kursschwankungen Profit schlagen. Und beim Handel mit Wertpapieren geht es teilweise nicht mehr um die realen Werte, sondern um eine Wette auf zukünftige positive oder negative Entwicklungen. Wer richtig gewettet hat, gewinnt. Was sagen Sie zu diesen beiden Entwicklungen? 

Dass man für eine Firma manchmal mehr zahlen muss, als sie wirklich wert ist, dieser Mechanismus spielt auch beim Kauf eines Hauses. Der wahre Substanz- oder Ertragswert eines Hauses entspricht nicht immer dem Kaufpreis. Der Wert wird am Schluss immer durch den Preis festgelegt, den ein Käufer zu zahlen bereit ist. Bei den Aktien ist es dasselbe. Auch beim Hauskauf wird gewettet auf eine mögliche Zukunft. Ein Käufer verschuldet sich vielleicht, weil die Hauspreise steigen und er das Haus später mit Gewinn verkaufen kann. Es geht immer um Wetten. Wenn jemand eine Aktie kauft, hat er keinen wirklichen Gegenwert, sondern nur ein Papier. Er hat in der Regel keinen Anteil an der Firma. Er kauft, weil er hofft, dass der Preis steigt, oder er durch die Dividende eine hohe bzw. höhere Rendite als mit anderen Investitionen erzielt.

 

Das spekulative Verhalten an der Börse hat aber einen Einfluss auf die reale Wirtschaft. 

Ja, es wird Geld abgezogen. Und wenn es gewinnbringender ist, an der Börse zu handeln als in der realen Wirtschaft eine Fabrik zu bauen, dann ist das keine gute Entwicklung. Aus dem Börsenhandel entsteht nichts – ausser dem Gewinn. Ich finde es sinnvoller, wenn mit Geld Güter und Dienstleistungen produziert werden, die gebraucht und nachgefragt werden. 

Das Volumen der Finanzmärkte nimmt stetig zu, weil es möglicherweise einfacher ist, an der Börse Geld zu machen als in der realen Wirtschaft. Auch der Hochfrequenzhandel ist ein Handel, einfach ausschliesslich durch miteinander agierende Computer. Solange das legal geschieht, kann man moralisch dagegen nichts einwenden. Es stellt sich einfach die Frage, wie sinnvoll und wertschöpfend das für die Wirtschaft ist.

 

Christen wissen, dass alles Geld Gott gehört. Gott ist sozusagen der grösste Banker, der sein Geld gratis ausleiht, verbunden mit der Auflage, diese Leihgabe in seinem Sinne einzusetzen. Was würde es grundsätzlich heissen, Geld und Eigentum im Sinne des «Erfinders» einzusetzen?

Auch wenn die Verhältnisse in der Bibel anders waren als heute, so gelten die biblischen Finanzprinzipien und Grundsätze im Umgang mit Geld bis heute. Natürlich müssen sie auf unsere Verhältnisse angepasst werden. Zum Beispiel der Grundsatz, für Ausgleich zu sorgen, zwischen dem, der hat und dem, der nicht hat, bedeutet in einem modernen Sozialstaat, die Steuern und Sozialabgaben korrekt zu zahlen, um diesen Ausgleich zu ermöglichen. Oder es gilt – mehr denn je – immer noch, dass das Geld uns und nicht wir dem Geld dienen sollen. So ermutige ich zum Beispiel junge Menschen, die eine Firma gründen möchten, etwas zu tun, das Sinn macht und den Menschen dient. Es soll unser Leben und unsere Welt zu einem besseren Ort machen. Daran freut sich Gott. 

 

Würde das für Angestellte heissen, dass sie möglichst in Firmen arbeiten, die genau so etwas tun?

Das könnte es heissen. Es heisst aber sicher auch, mit dem eigenen Geld nicht noch mehr (unnötige) Konsumgüter anzuhäufen, sondern jemanden in der Nähe zu unterstützen, der dieses Geld brauchen kann, sei es, weil er knapp dran ist, für eine Ausbildung oder zur Finanzierung eines Projektes. Wenn es um grössere Summen geht, wird es komplizierter. Vielleicht braucht es dann mehrere, die sich zusammenschliessen, um diesen Kredit zu finanzieren und das Risiko zu verteilen, so dass kein Bankkredit notwendig ist. Dieser steht für nicht nur gewinnorientierte Projekte ja oft gar nicht zur Verfügung.

 

Spenden ist eine sehr direkte Form des Weitergebens von Geld. Müssten Christen wieder lernen, über den biblischen Zehnten hinaus Geld direkt dort einzusetzen, wo es Sinn macht?

Ich finde es auch beim Spenden hilfreich, zwischen Verschenken und Investieren zu unterscheiden. Beim Verschenken gebe ich etwas weiter, einfach, weil das jemand braucht, ohne die Gabe weiter zu hinterfragen – und oft auch ohne dass ich konkret gefragt werde. Ganz im Sinne des fröhlichen Gebers, den Gott laut der Bibel lieb hat. Beim Spenden im Sinne von Investieren geht es aber um mehr. Hier soll mit dem Geld etwas entstehen. Hier lohnt es sich, genau zu prüfen und dann einen ansehnlicheren Betrag an ein Projekt oder für einen Menschen zu geben. So wird etwas freigesetzt. Das ist dann das Saatgut, aus dem nachhaltig und vielfältig gute Früchte entstehen können. 

 

Sanierer und Berater

Thomas Giudici (1963) hat in Basel Wirtschaftswissenschaften studiert und mit dem Doktorat abgeschlossen. Er war leitend in verschiedenen grossen Industrie-, Finanz- und Beratungsunternehmen tätig und ab 1992 als Sanierungsbeauftragter und Finanzchef des Kantons Basel-Stadt angestellt. Seit 1996 ist er als selbstständiger Berater tätig. Zudem ist er Dozent in betriebswirtschaftlichen Fächern, Referent und Autor v.a. zu wirtschaftsethischen Themen. Er wohnt mit seiner Frau und den zwei Kindern in Basel.

 

Dieses Interview ist eine gekürzte und bearbeitete Version des Zoom-Talks auf Radio LifeChannel vom 10.8.16 (www.lifechannel.ch)

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