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Geld und Psyche

Was Geld mit uns macht

Dieter Bösser Der Psychologe Heiko Ernst schrieb in seinem Buch «Wie uns der Teufel reitet» über die sieben Todsünden Neid, Zorn, Trägheit, Wollust, Hochmut, Völlerei und Habsucht. Für ihn als Atheisten erlauben sie in Zeiten moralischer Verunsicherung und transzendentaler Obdachlosigkeit1 sowohl eine kritische Selbstbetrachtung als auch eine Prüfung des Zeitgeistes. Im Blick auf die Bedeutung von Geld sind vor allem Neid und Habgier relevant.

 

Geld ist mehr als ein reines Tauschmittel. Wir kaufen nicht nur Waren und Dienstleistungen gegen Geld. Geld beeinflusst auch innerseelische Prozesse und seelische Prozesse beeinflussen unsern Umgang mit Geld. In 1. Timotheus 6,5 lesen wir von der Genügsamkeit. Vom griechischen Begriff, der hier verwendet wird, stammt unser Fremdwort Autarkie. Autarkie bezeichnet den Zustand, materiell genug zum Leben zu haben. Dazu gehört auch die innere Haltung, genügsam zu sein mit dem, was man hat. Die Tugend der Genügsamkeit spielte in der stoischen Philosophie eine zentrale Rolle. Eine vergleichbare Haltung kommt auch bei Paulus zum Ausdruck, wenn er schreibt: «Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir auch geht2.» Genügsamkeit ist demnach erlernbar. 

 

Geld und Gefühle

Aus der Forschung ist bekannt, dass mehr Geld nur für einen kurzen Moment positive Gefühle auslöst. Die meisten Menschen gewöhnen sich an Lohnerhöhungen und empfinden schon bald keine Freude mehr darüber. Eine Lohnreduktion löst aber nachhaltig negative Gefühle aus.

Menschen stellen immer wieder soziale Vergleiche an: Stehen sie besser oder schlechter da als ausgewählte Personen? Die Freude über eine Lohnerhöhung kann schnell verfliegen und in Neid umschlagen, wenn man erfährt, dass andere noch mehr Lohn erhalten. Neid ist nach Heiko Ernst ein höllischer Schmerz und mit sehr negativen Emotionen verbunden. Wird der Neid bekannt, macht man sich lächerlich. Darum sitzt der Neidische alleine in seiner Neidhölle. «Neid entsteht, wenn jemand einen Mangel empfindet und etwas begehrt, was ein anderer hat, oder wenn er wünscht, dass es auch der andere nicht hat. (…) Neid wird typischerweise als Minderwertigkeitsgefühl, als Begierde oder als Missgunst gegenüber der beneideten Person empfunden3.» Jeder Mensch kann neidisch werden, auch der, der alles hat, was er zum Leben benötigt.

 

Geld und Selbstwert

Neid zeigt nach Heiko Ernst eine Bedrohung unseres Selbstbildes und des Selbstwertgefühls an. Er berührt die Frage: Was macht mich zu einem wertvollen Menschen? Was macht mich zufrieden? «Wahre Zufriedenheit ist keine Frage von Besitz, Macht, Status oder anderen äusserlichen Dingen, sondern des guten Selbstgefühls und eines tieferen Lebenssinns4.» Heiko Ernst empfiehlt Dankbarkeit als Neid-Prophylaxe.

Habgierige Menschen wollen immer mehr Geld haben. Nach Heiko Ernst ist Habgier ein autonomes Motiv, sie besteht um ihrer selbst willen und nicht wegen eines anderen, vielleicht höheren Zieles. «Es geht ums Haben, um die pure Lust am Anhäufen von Geld und Reichtum5.» Die Habgier ergreift Besitz vom Menschen, sie ist ein anstrengendes Laster. Wer immer mehr haben will, hat zwangsläufig viel Stress. «Die Gier macht uns nicht nur erschöpfter, ungeduldiger, unzufriedener. Sie macht uns auch blind gegenüber den Schwächeren, den weniger Glücklichen und weniger Tüchtigen6.» 

Trotzdem kann man einen Zusammenhang von Habgier und Selbstwert annehmen. Manche geben mehr Geld aus, als sie haben, weil sie sich über Konsum und Besitz definieren. Das führt in eine Schuldenfalle. Wer Betroffenen helfen will, muss nicht nur eine Lösung für ihre Schulden finden. Mindestens so wichtig ist es, die psychischen Ursachen der Überschuldung zu klären. Wenn es nicht gelingt, eine stabile Basis für das Selbstwertgefühl zu finden, ist das Risiko einer Neuverschuldung gross.

 

Habgier und Wohlstand

Ist Habgier ein wichtiger Motor unserer Wirtschaft und darum eine Voraussetzung unseres Wohlstands? Ökonomen vertreten zum Teil die Überzeugung, dass Habgier gut ist, weil sie Menschen antreibt, mehr zu leisten. Habgier rege die Nachfrage an und lasse die Umsätze ansteigen. 

In dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm «Inside Job» werden Entwicklungen nachgezeichnet, die zur Finanzkrise von 2008 geführt haben. Die unverantwortliche Gier nach mehr ermöglichte kurzfristig schnelle Gewinne, führte mittelfristig aber zu einer katastrophalen Vernichtung von Vermögenswerten. Ein Beispiel: Am
5. Januar 2009 beging Adolf Merckle im Alter von 74 Jahren Selbstmord. 2008 gehörte er mit einem Vermögen von 12,8 Mrd Dollar noch zu den reichsten Deutschen. Durch die Finanzkrise verlor der bekannte Unternehmer viel Geld, was zu einer Liquiditätskrise führte. Bei den Bemühungen zur Bewältigung der Krise büsste Merckle die Kontrolle über sein Firmenimperium ein. Den Verlust von viel Geld und die schwerwiegenden Konsequenzen daraus verkraftete er nicht.

 

Materieller Mangel und seelische Gesundheit

Aus der Forschung ist bekannt, dass Menschen innerlich Schaden erleiden, wenn sie in ständiger Angst um das materiell Notwendige leben müssen. Über Jahre und Jahrzehnte in grosser Armut zu leben und kaum überleben zu können, macht häufig seelisch krank. Viele, die als Kinder unter massiver Vernachlässigung gelitten haben und um das tägliche Brot bangen mussten, leiden unter vergleichbaren posttraumatischen Störungen wie solche, die körperlich oder sexuell missbraucht wurden. Die psychischen Folgen davon sind in der Regel massiv und beeinträchtigen das ganze Leben.

Die Sicherung des materiellen Lebens ist auch in der Maslow’schen Bedürfnishierarchie7 grundlegend. Eine ausreichende Grundversorgung in materieller Hinsicht ist für psychisches Wohlergehen wichtig. Dazu passt die Aussage in 1. Timotheus 6,8: «Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen.» Die Sicherung dieser grundlegenden Bedürfnisse gesteht Gott den Menschen zu. Die Menschen sollten sie sich auch gegenseitig zugestehen.

 

Eine gesunde Beziehung zum Geld

In 1. Timotheus 6,9.10a lesen wir: «Wer aber reich werden will, gerät in Versuchungen und Schlingen, er verfällt vielen sinnlosen und schädlichen Begierden, die den Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht.»

Reich werden zu wollen ist demnach aus christlicher Sicht kein in sich legitimes Ziel. Dieser Wunsch macht anfällig für unterschiedlichste Begierden. Je nachdem wie stark der Wunsch ist, reich werden zu wollen, muss von erheblichen psychischen Defiziten ausgegangen werden. Diese werden durch zunehmenden Wohlstand oder Reichtum nicht gestillt. Das Verlangen nach mehr Reichtum kann nicht nur zu ethisch verwerflichem Verhalten führen, sondern auch eine negative seelische Dynamik verstärken. Eine vergleichbare negative Wirkung hat der Neid. 

Wer als Christ seinen Selbstwert aus der Gnade Gottes bezieht und im Vertrauen auf seine Fürsorge lebt, hat eigentlich keinen Grund, habgierig oder neidisch zu werden. Kommt er zu Reichtum, hat er die besten Voraussetzungen, verantwortungsbewusst und fair damit umzugehen. Dankbarkeit für Gottes Fürsorge ist heilsam und wohltuend für die Seele.

 

1  fehlendes Bewusstsein für eine höhere Macht oder deren Abwesenheit 

2  Phil 4,11

3  W. Gerrod Parrott

4  Heiko Ernst. «Wie der Teufel uns reitet. Von der Aktualität der 7 Tod-

sünden.» Ullstein, 2006

5  dito, S. 110

6  dito, S. 120

7  siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie

 

Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist als Theologe und Psychologe unterwegsin unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftlicheKonzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren.

 

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