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Geld als Beziehung

Weder Ware noch Tauschmittel

Interview: Fritz Imhof Das Berner Finanzberatungsunternehmen «Invethos» berät Kunden, die Geld nach ethischen Kriterien anlegen wollen. Das Geschäftsmodell fällt durch innovative Ideen auf. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer und Gründungspartner Marc Baumann über den Zusammenhang von Geld und Ethik.

 

Magazin INSIST: Was hat das marktwirtschaftliche System mit dem Geld gemacht? Was haben die Finanzkrisen von 1989 und insbesondere von 2008 ausgelöst?

Marc Baumann: Weder 1989 noch 2007 sind erratische Wendepunkte in der Geschichte des Geldes. Diese ist geprägt von der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die schrittweise Befreiung des Menschen aus vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen ermöglichte den Wohlstand, den wir heute kennen. Die antiken Familienstrukturen und später die Feudalstrukturen haben das Leben der Menschen von der Geburt bis zum Tode geprägt. Sie bestimmten den Stand, den Beruf, die Rolle der Frau wie auch die Partnerwahl und vieles andere mehr. Die Befreiung aus diesen Strukturen hat das moderne Individuum und das moderne Geld hervorgebracht und auch die Psyche des Menschen verändert. Wir betonen heute das Recht des Menschen auf eine persönliche individuelle Entwicklung und auf die Ausweitung seiner Ressourcen. Diese Bewegung verläuft immer schneller. Sie hat dazu geführt, dass wir unsere heutigen Verhältnisse immer weniger mit der Vergangenheit erklären können. Wir können sie besser aus der aktuellen Vorwärts-Bewegung heraus erklären, die eine ganz neue Dynamik entfacht hat. 

Den Samen dieser Befreiung oder Entfesselung des Menschen finden wir schon in der Schöpfungsgeschichte sowie im Neuen Testament. Sie wird dort nicht als etwas Negatives wahrgenommen, kann aber negative Folgen haben, wenn die damit verbundene Verantwortung nicht wahrgenommen wird. Die Entfesselung hat die Menschheit in ungeahnte Höhen des Wohlstandes katapultiert. Noch nie in der Geschichte war das Leben der Menschen aufgrund der Erfindung der fossilen Verbrennungsmotoren bequemer und leichter, war die Lebenserwartung so hoch bzw. die Kindersterblichkeit und die prozentuale Armutsquote so niedrig. Die andere Seite ist, dass die
Natur in ihrer Fähigkeit, die Folgen dieser Entwicklungen aufzufangen, an Grenzen stösst und sich die Verantwortung des Menschen diesbezüglich ausgeweitet hat. Ob der Mensch diese grössere Verantwortung auch wahrnimmt, ist mindestens teilweise fraglich. Auf gesellschaftlicher Ebene kann man zudem feststellen, dass in der sich vorwärts beschleunigenden Moderne eine Entfremdung der Menschen von sich selbst, von anderen Menschen und von der Umwelt stattfindet. Diese beiden Seiten der Entwicklungen müssen wir aushalten. 

 

Was hat das alles mit Geld zu tun?

Geld hat viele dieser Entwicklungen erst ermöglicht. Es ist ein Bindeglied zwischen den Menschen. Ohne Geld in seiner modernen Ausprägung wäre der heutige Wohlstand gar nicht möglich geworden. So hat beispielsweise die Entstehung von Handel den Erwerb von Eigentum und das Bilden von Vermögen begünstigt. Der Einsatz von Geld ohne die Bindung an Grund und Boden der Feudalherren hat den Weg zum Aufstieg einer neuen Klasse geebnet. Gleichzeitig hat Geld aber auch viel zur Entfremdung vom Mitmenschen und von der Umwelt beigetragen. Geld repräsentiert einerseits das Vertrauen zwischen den Menschen, andererseits führt es fast vollkommen zu abstrakten Beziehungen. Dies führt zur erwähnten Entfremdung, die etwa am Börsengeschehen veranschaulicht werden kann. Wer dort aufgrund finanztechnischer Analysen im Minutentakt Aktien kauft und verkauft oder mit Finanzderivaten spekuliert, handelt losgelöst von Unternehmen und Menschen. Diese bleiben ihm fremd. Dieses abstrahierte Geld hilft, sich in einer marktorientierten Gesellschaft zu positionieren und die persönlichen Lebensoptionen zu erweitern. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass diese Optionen wichtiger werden als Entscheidungen, die das Leben aller fördern. Solche Entscheidungen bedeuten in der Moderne oft eine Reduktion der persönlichen Lebensoptionen. Geld ist ein Speicher für Lebensoptionen. Die Rolle des Geldes weicht somit stark von der gängigen Erklärung ab, die den Ursprung in der Tauschwirtschaft sieht und wesentlich auf Adam Smith basiert. Der Ansatz, dass man Mühe hatte, Güter zu tauschen und deswegen Geld als Tauschmittel schuf, gilt als widerlegt. Es gibt keine Gesellschaft, in der Geld aus dem Tauschhandel hervorgegangen ist. Geld ist in seinem Wesen eine Schuldbeziehung zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Gott. Im Verhältnis zu Gott entstand die Schuld durch den Eingriff des Menschen in die Schöpfung. Die Schuld vor Gott wurde zuerst durch Menschenopfer, später durch Tieropfer und schliesslich durch Geldopfer gesühnt. Auch hier wird mit Geld die Schuld und damit auch das Opfer abstrahiert. Damit kommen wir zur Frage der Verantwortung. Wie erwähnt hat Geld einen hohen Abstraktionsgrad erreicht. Wenn wir Geld mit dem Opfern verbinden, wird der Zusammenhang deutlich: Opfer gibt es erst seit der neolithischen Revolution, als der Mensch sesshaft wurde und begann, Land zu nehmen und den Boden zu bebauen. Er griff damit in das Eigentum Gottes ein. Diese Entwicklungen sind bereits in der Schöpfungsgeschichte vorgezeichnet, so etwa in der Zwillingsformel des Bebauens und Bewahrens oder in der Beschreibung der Domestizierung von wilden Tieren durch den Menschen. Die Zwillingsformel betont die Einheitlichkeit und Untrennbarkeit von Wirtschaft und Verantwortung; die Schöpfung der «Tiere auf dem Feld» und deren Domestizierung durch den Menschen zu «Vieh» in der zweiten Schöpfungsgeschichte zeichnet die neolithische Revolution nach. In der anschliessenden Erzählung steht dann die Opferhandlung der sesshaft gewordenen Brüder Kain und Abel im Zentrum des Geschehens. 

 

Was ist demnach Geld?

Man kann Geld auch als eine Schuld definieren, die übertragbar gemacht wurde. Schuld ist ein Ausdruck davon, wie Menschen miteinander und mit Gott in Beziehung stehen. Heute ist Geld ein Träger für alle Optionen und Wünsche, die ein Mensch haben kann. Dabei stellt sich die Frage nach dem Sinn. Heute neigt der Mensch dazu, seine Optionen ständig zu erweitern und seine Ressourcen auszubauen. Dazu eignet sich Geld hervorragend. Je mehr Geld er hat, über desto mehr Optionen verfügt er. Darin liegt aber auch eine Tragik. Der Mensch möchte sich nämlich auch auf dem Markt der Beziehungen möglichst viele Optionen offen halten. Wir wollen unter anderem wissen, was mit unserem Geld bzw. mit dem Geld unserer Kunden geschieht. Deswegen kann er sich kaum noch binden. Sobald ich mich binde, bin ich aus dem Markt der Beziehungsoptionen ausgeschieden. Geld ist somit Ausdruck einer Gesellschafts- und Beziehungsstruktur.

 

Was wollen Sie vor dem Hintergrund dieser Analyse mit «Invethos» erreichen?

Wir möchten einen Umgang mit Geld fördern, der dieser Entfremdung entgegenwirkt. Wir wollen unter anderem wissen, was mit unserem Geld bzw. mit dem Geld unserer Kunden geschieht. Wir verfolgen das Ziel, langfristig in Unternehmen und Menschen zu investieren. Wenn wir wissen, wo und in wen wir investieren, fördern wir Beziehungsstrukturen und wirken der Entfremdung entgegen. Es gibt im Englischen den Begriff des «Relational Well-
beeing». Hier werden Investitionen danach beurteilt, wie weit sie beziehungs- und gesellschaftsfördernd sind. So werden beispielsweise Investitionen ausgeschlossen, die Menschenrechte verletzen oder zu Suchtabhängigkeiten führen. Oder es werden Investitionen getätigt, die konkreten sozialen Zielsetzungen dienen: Beispielsweise wird ein Heim für Menschen mit Autismus finanziert. «Invethos» versucht, verantwortungs-
volles Investieren zu fördern, das Verständnis für und
die Nähe zur Investition herzustellen und so den Beziehungsaspekt zu fördern. Unser Augenmerk liegt somit mehr auf den gesellschaftlichen Entwicklungen, die mit Geld gefördert oder verhindert werden können. Ein einseitiger Fokus auf das Geldsystem verkennt dessen Ursachen und Ursprünge. Ein wenig kann man das ja erahnen, wenn man die Massnahmen der Notenbanken beobachtet: Sie schrauben am Geldsystem, ohne damit eine Veränderung der sozialen oder wirtschaftspolitischen Realitäten herbeiführen zu können; manchmal verschärfen sie sogar die Probleme.

 

Ist Geld nicht auch ein Machtmittel? Sagen wir zu Recht «Geld regiert die Welt»?

Nicht das Geld, sondern Machtstrukturen regieren die Welt. Viele Machstrukturen entstehen durch eine zunehmende Verrechtlichung, das Anwachsen des Staatswesens und der Bürokratie, die Verbindung von Kredit und Talent und durch marktbeherrschende Grossunternehmen, die als einzige die finanziellen Mittel haben, um die durch Recht und Bürokratie auferlegten Bedingungen überhaupt noch zu erfüllen. Diese Macht wird mit Status, Lobbying, aber auch mit Geld abgesichert. Marktpositionen werden ausgenutzt, um Märkte zu dominieren oder andere von diesen Märkten auszuschliessen. Eine Machtposition hat auch, wer die negativen Folgen des eigenen Handelns auf andere abschieben kann, wie dies beispielsweise der Finanzindustrie im Zuge der Finanzkrise von 2008 gelungen ist. 

Es gibt Bereiche, in denen Märkte eingedämmt und Bereiche, in denen Märkte gefördert und befreit werden müssen, damit alle daran teilnehmen können. Ein Machtmissbrauch liegt immer dann vor, wenn Menschen den Anschluss nicht mehr schaffen können und zurückgelassen werden. Das ist die grösste gesellschaftliche Tragik. Wer diese Fragen ausschliesslich mit dem Fokus auf Geld oder mit der Kritik an den Superreichen angehen will, wird wenig bewirken, weil er sich tendenziell mit den Folgen und nicht mit den Ursachen beschäftigt. Die Frage, wieso es Machtstrukturen gibt und wie diese ausgenützt werden, ist tiefgründiger und vielschichtiger. 

Wie entsteht überhaupt Geld? Eigentumslose Gesellschaften brauchen kein Geld. In der DDR gab es nicht Geld, sondern Gutscheine. Es braucht Eigentum und die Möglichkeit, Eigentum zu verpfänden, damit Geld entstehen kann. Dieses Eigentum wird dauernd ausgeweitet. Dabei gab es Quantensprünge wie die Schaffung von geistigem Eigentum oder die digitale Entwicklung. Mit zunehmendem Eigentum wächst der Machtbereich der Menschen und potenziell auch die Geldmenge. Wie gehen wir damit verantwortlich um? Theologisch gesehen geht es hier um verantwortliche Haushalterschaft. In der Geschichte gab es immer wieder Versuche, mit grossem Besitz und Eigentum auch verantwortlich umzugehen. So sind zum Beispiel die Carnegie Stiftung und andere gemeinnützige Werke entstanden. Die Motive waren dabei unterschiedlich. Zuweilen mag auch ein schlechtes Gewissen der Anfang eines gemeinnützigen Werkes gewesen sein, gerade auch in christlichen Kreisen. 

 

Wie kann Geld sinnvoll angelegt werden?

Als «Invethos» leitet uns wie erwähnt der Grundsatz des «Relational Wellbeeing». Wir wollen unseren Anlegern die Möglichkeit geben, nahe Investitionsformen auszuloten – im Gegensatz zu den abstrakten globalisierten Formen. Dabei stellt sich die Frage, ob wir nur direkt oder auch über börsenkotierte Unternehmen Geld anlegen wollen. Die Börse ist für uns nicht der Inbegriff des Bösen. Sie ist aber hohen Spannungen ausgesetzt. Wir haben deshalb auch eigene Gefässe entwickelt, um direkte Anlagen zu tätigen. Wir haben zum Beispiel «Social Impact Investments» geschnürt, mit denen Missstände und Armut bekämpft werden können. Für den Handel mit börsenkotierten Anlagen gibt es etwa einen Ethikraster, der auf dem biblischen Gleichnis von den anvertrauten Pfunden beruht. Viele Schweizer Mittelstandsunternehmen sind an der Börse kotiert. Aktien zur Förderung dieses privaten Unternehmertums sind aus unserer Sicht grundsätzlich positiv zu werten. Bei Aktien von multinationalen Unternehmen wie Grossbanken haben wir dagegen grosse Fragezeichen, weil ihre Bilanzen nur schwer durchschaubar sind. Wir investieren in Unternehmen, nicht in abstrakte Konstruktionen. Wir betreiben auch kein Day Trading, das nur kurzen, spekulativen Gewinn verspricht. Hier ist der Beziehungsaspekt gleich null. Das widerspricht unseren Werten. Wir betreiben Datenbanken, mit denen wir die Unternehmen nach Nachhaltigkeitskriterien scannen. Hier spielen auch Faktoren wie Kinderarbeit oder Arbeitsrechte eine Rolle. Der Vorteil bei börsenkotierten Firmen ist, dass sie vieles offenlegen müssen. Das kann so weit gehen, dass zum Beispiel die Swatch Gruppe unter den Alkoholproduzenten auftaucht, weil der Konzern ein Restaurant führt. Mit der Anwendung von Ausschlusskriterien kann man Einfluss auf börsenkotierte Firmen nehmen. 

Zum anderen fördern wir soziale Unternehmen, indem wir in Gebäude investieren, zum Beispiel in ein Heim für Behinderte. Mit dem «Social Impact Bond» (SIB) finanzieren wir die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Wir haben zusammen mit dem Kanton Bern den ersten SIB in Europa für die Eingliederung von Flüchtlingen im ersten Arbeitsmarkt aufgegleist. Hier geht es um Darlehen, deren Rückzahlung und Verzinsung davon abhängen, wie gut es gelungen ist, das Ziel zu erreichen. Wir investieren damit in Beziehungen und reduzieren den Abstrahierungsgrad der Investition. Bei einem Misserfolg verlieren sowohl der Investor als auch der Leistungserbringer Geld. Nur wenn die Ziele erreicht oder übertroffen werden, gibt es Geld für den Anleger und eine Zusatzzahlung für den Leistungserbringer. In einer Welt der Gegensätze versuchen wir, Brücken zu schlagen, indem wir Beziehungen aufbauen und Verantwortung einbringen. Das unterscheidet uns von anderen Finanzdienstleistern. Noch gilt der SIB als exotisch und machte daher europaweit Schlagzeilen. 

 

Nähern wir uns einem Zeitalter, in dem sich Zinse erübrigen?

Das heutige tiefe Zinsniveau ist ein Problem für Banken und Pensionskassen. Für Besitzer von fremdfinanzierten Liegenschaften ist der tiefe Zinssatz eine grosse Erleichterung. Er verleitet aber dazu, Liegenschaften hoch zu belehnen und so eine grosse Schuldenlast aufzubauen. Der Zins ist ja auch ein Signal, wie hoch das Risiko einer Geldanlage ist. Dieses Signal fehlt heute, wie das Beispiel Italien zeigt. Der Zins der Anleihen an den Staat spiegelt das Risiko nicht mehr wider und dient somit nicht mehr als Disziplinierungsinstrument. Der fehlende Zins ist auch ein Grund für das Auseinanderdriften der Vermögensverteilung. Er treibt die Vermögen von Immobilien- und Aktienbesitzern hoch. Der zu tiefe Zins verleitet auch Staaten zur Verantwortungslosigkeit. Sie stopfen finanzielle Löcher einfach mit neuen Schulden, die nichts kosten. Andererseits können hohe Zinsen die Menschen auch knechten. 

 

Wie kann man sinnvoll spenden? 

Wenn wir von Spendern um Rat gefragt werden, plädieren wir eher für Nähe, auch wenn der «Beziehungsfilz» anrüchig ist. Es gibt auch Situationen, in denen eine Spende das falsche Mittel ist und man das Geld besser als Investition einsetzen sollte. Eine Spende kann sogar Schaden anrichten, wenn sie nicht in eine Beziehung und Verantwortung gegenüber dem Spender eingebunden ist oder zum Beispiel den Aufbau lokaler Strukturen verhindert. Ein Darlehen mit Zins bindet zum Beispiel Klein-
unternehmer in Rumänien besser in die Verantwortung gegenüber den Geldgebern ein als Spenden, welche die Begünstigten in einen anhaltenden Empfängermodus führen. Der Zins ist die Antwort des Begünstigten auf die Beziehung, die ich mit ihm – auf Augenhöhe! – eingegangen bin. Diese Beziehung ist bei unserem Projekt in
Rumänien auch mit Beratungsarbeit verbunden. Wir
legen bei solchen Projekten auch grossen Wert auf unsere Präsenz vor Ort. Wenn das gespendete Geld anrüchig erworben worden ist, hilft auch die Spende nicht zu einem guten Gewissen. Für uns ist nicht die Spendenquote entscheidend, sondern die Bereitschaft, für 100 % des Vermögens Verantwortung zu übernehmen.

 

Wie viel Geld sollen Christen christlichen Werken anvertrauen, zum Beispiel christlichen Hotels, die günstige Darlehen suchen?

Wie gesagt empfehlen wir Darlehen, die mit einem Zins verbunden sind. Zinslose Darlehen verleiten dazu, das geliehene Geld als schon geschenkt anzusehen. Der Zins ist eine permanente Erinnerung daran, dass es sich um geliehenes Geld handelt. Er hält auch die Beziehung zum Gläubiger aufrecht. Es kann christlichen Werken zudem eine Mahnung sein, Theologie und seriöse Geschäftsführung nicht als Gegensätze zu sehen. Der Glaube soll nicht mangelnde Professionalität wettmachen. Auch Zahlen sind Teil der Wahrheit und der Liebe. Wir unterstützen ein ganzheitliches Glaubensverständnis. Das beinhaltet auch die Bereitschaft, ein Darlehen wo nötig abzuschreiben. Andererseits stellen wir Investitionen christlicher Werke in Liegenschaften zuweilen auch in Frage. Braucht zum Beispiel ein Trainingscenter für Missionare eine eigene teure Liegenschaft? Oder wäre eine gemietete Liegenschaft nicht sinnvoller? Grundeigentum scheint für viele unabdingbar, es bindet aber oft zu viele Ressourcen. Wir übernehmen zwar Sanierungen, haben aber kein Interesse, Sanierungsfälle zu schaffen.

 

Wäre es sinnvoll, wenn sich möglichst viele Menschen als «effektive Altruisten» einbringen würden?

Darüber wurde viel reflektiert. Neben guten gibt es auch schlechte Beispiele. Wir halten es nicht für sinnvoll, den ganzen Tag zu zocken, um am Abend möglichst viel Geld zu spenden. Wir wollen nicht etwas nutzen, das wir ablehnen, um damit Gutes zu tun. Der erfolgreiche Zocker treibt womöglich einen anderen in den Ruin. Hier stellt sich die Problematik der Entfremdung. Das Ziel, mit dem erwirtschafteten Geld möglichst viele Leben zu retten, tönt attraktiv. Auch in der Philanthropie sollten Fragen der Effizienz gestellt werden. In jedem Fall darf der Beziehungsaspekt nicht verloren gehen. Nicht nur im Weltsüden, auch in unseren Breitengraden gibt es Not, auch wenn sich diese anders zeigt. Wenn jemand eine grosse Erbschaft macht und damit Gutes tun will, sollte er sich über Nutzen und Effizienz Gedanken machen. Wichtig sollte dabei aber immer die Nähe und die Beziehung sein. Es macht zum Beispiel Sinn, in eine Institution zu investieren, die mir nahesteht und bei der ich die leitenden Leute kenne. 

Wenn wir Heimat schaffen wollen, müssen wir Beziehungen bauen und Brücken schlagen. Mit dem Geld sollen deshalb gesellschaftliche Bezüge aufgebaut und Lösungen aktueller Probleme ermöglicht werden. 

 

Ethische Anlagen fördern

Marc Baumann ist Rechtsanwalt, Notar, Ökonom, Finanzmathematiker und Partner bei der «Invethos AG», einer Gesellschaft, die in der Vermögensverwaltung, bei Social Impact Investments sowie in der Rechts- und Steuerberatung tätig ist. 

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