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Medien

Journalismus unter dem Diktat der Klicks

Fritz Imhof Die Medienlandschaft befindet sich in einem dauernden Umbruch. Dabei stehen die Interessen von Investoren und Medienkonzernen weit über dem Bedürfnis nach gutem Journalismus oder Service public.

Die forcierte Privatisierung bei den elektronischen Medien in den 90erJahren zeigt heute Wirkungen. Weil private Fernsehsender und Internetportale sich durch Werbung finanzieren müssen, waren sie von Anfang an darauf angewiesen, möglichst hohe Einschaltquoten oder Klicks zu generieren. Sie zielen deshalb auf Inhalte, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen, indem die Emotionen und der Sensationshunger angesprochen werden. Sogar die hauptsächlich von Gebührengeldern finanzierte SRG wird von diesem Trend beeinflusst. Das zeigte sich kürzlich in einer Studie, welche den SRG-Medien nur mässige Noten für ihre politische Informationsarbeit erteilte.

Qualität ist zum Randthema geworden
Die Inhalte im Internet leiden darunter, dass sie für den Nutzer in der Regel kostenlos sein müssen. Sie müssen deshalb querfinanziert, durch Werbung oder Spenden gedeckt oder aber möglichst günstig beschafft werden. Namhafte Medienwissenschafter bedauern heute, dass die Weichen von Anfang an so gestellt wurden und mit dem Internet nur schwer Geld verdient werden kann. Diese Entwicklung lässt sich kaum mehr rückgängig machen. Hier fallen im Gegenzug Portale wie «journal21.ch» auf, die von bestandenen pensionierten Journalisten geschrieben – und gratis ins Netz gestellt werden!

Die Nachricht als Ramschware
Die Gratiszeitungen machen vor, wie Nachrichten und Berichte kurz und süffig zusammengefasst und mit einem griffigen Titel versehen dem Publikum vorgesetzt werden können. Dieses greift willig zu und beschert den Verlagen – in der Schweiz sind das vor allem der Tages-Anzeiger-Verlag und Ringier – schöne Gewinne, weil die hohen Auflagen für die Werber interessant sind. Die emotionale Wirkung der Inhalte und die entsprechende Beachtung stehen hier über allem. Der Leser einer informativen Tageszeitung fällt im Pendlerstrom schon fast unangenehm auf. Und der Trend zur Emo-
tionalisierung beginnt auch in diesen Medien Fuss zu fassen.

In der Zwickmühle
Wissenschaftler, die Medien und ihre Wirkung kritisch unter die Lupe nehmen, wie der kürzlich verstorbene Soziologe Kurt Imhof, haben heute eine schlechte Presse. Die Journalisten stecken in einer Zwickmühle. Viele möchten weiterhin Qualität
liefern, stehen aber unter dem Druck, mit ihren Inhalten möglichst viele Leser oder Zuschauer zu erreichen oder viele Klicks zu generieren. Die heutigen Publikations-Konzepte drängen sie dazu, Inhalte zu produzieren, die gleichzeitig in der Zeitung, im Internet und womöglich auch im Privatradio oder TV-Sender verbreitet werden können. Der Journalist wird zum Produzenten und News-Manager. Es gibt nur wenige wie der Ringier-Kolumnist Frank A. Meier, die sich über diese Niederungen erheben und ihre gut durchdachte Meinung zum aktuellen Geschehen abgeben können.

Unabhängigkeit als Luxus
Unabhängiges Arbeiten, so wichtig es besonders heute auch wäre, ist zu einem Luxusgut geworden. Für freie Journalisten heisst das oft, dass sie zu einem Sozialhilfe-Ansatz honoriert werden; auch die Löhne von Angestellten liegen in der Regel deutlich unter dem Durchschnitt. Journalisten sind zu einer Manövriermasse geworden. Das belegen die jährlichen Entlassungen beim Tages-Anzeiger, die nur den Zweck haben, den Gewinn weiter zu maximieren. Auch wer mit Medien hunderte Millionen Franken verdient, wird gesellschaftlich nicht geächtet. Auch der seit Jahren ausstehende Gesamtarbeitsvertrag für Journalisten ist kaum ein Thema.
Was das für Christen bedeuten könnte? Sie sollten ihren Medienkonsum bewusst gestalten, Medien unterstützen oder abonnieren, die einen sorgfältigen Journalismus betreiben und keine Klicks generieren, die einen oberflächlichen oder kommerziellen Journalismus belohnen. Gleichzeitig können sie gute Artikel und Sendungen mit einem Feedback – zum Beispiel einem Leserbrief oder Mail ans Studio – honorieren.

Fritz Imhof ist freischaffender Redaktor und Publizist und Mitglied der Redak-tionskommission des Magazins INSIST.

fritz.imhof@STOP-SPAM.gmx.ch

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