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Philosophie

Mammon – Gott unserer Zeit?

Alexander Arndt «Gier ist gut!» proklamiert Gordon Gekko (dargestellt von Michael Douglas) im Film «Wall Street». Diese Aussage zeigt bis heute ein Dilemma der kapitalistischen Hochleistungsökonomie: Sie ist ohne Gier nicht zu denken, doch Gier gilt gemeinhin als negativ. In Matthäus 6,24 schliesst Jesus aber kategorisch aus, dass man Gott und dem Mammon gleichzeitig dienen könne.

CNN misst täglich die Stimmung an der Börse zwischen 0 (Extreme Furcht) und 100 (Extreme Gier). Aktuell schlägt das Gier-Barometer vor allem dann aus, wenn die Notenbanken ihre finanzpolitischen Massnahmen treffen: Wenn sie zum Beispiel die Niedrig- oder sogar Negativzinsen ausweiten, um Investitionen und Wachstum zu stimulieren. Priorität hat dabei das als alternativlos verstandene finanzielle Herzkreislaufsystem. Billiges Geld flutet so die Märkte, Staatsverschuldung und soziale Ungleichheit steigen. Immer mehr Ökonomen sehen diese Entwicklung mit Sorge. Andere empfehlen den Banken, dass sie die Negativzinsen endlich den Sparern verrechnen sollten, um sie zu mehr Konsum zu animieren.

Nicht die Hand Gottes
Wir sind damit nicht mehr weit entfernt von Aldous Huxleys «Schöner Neuer Welt», in der die Menschen zu sinnentleertem Hedonismus verdammt sind. Die reicheren 20 Prozent der Welt verbrauchen schon jetzt 80 Prozent der globalen Energie. Dass sie bei knapper werdenden Ressourcen und zunehmenden geopolitischen Krisen noch mehr konsumieren sollten, ist kaum zu rechtfertigen, vor allem wenn angesichts von Flüchtenden und anderen «Geringsten»1 argumentiert wird, es könne leider nicht für alle reichen.
Die «unsichtbare Hand» des Marktes ist nicht die schöpferische Hand Gottes, sondern lediglich ein Effekt der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage. Er wird erzeugt durch materielles Streben und ist moralisch blind. Zu glauben, diese blinde Instanz würde subjektive Gier restlos zu einem Wohlstand für die Welt verwandeln, ist ein Irr-Glaube. Nicht nur, weil es in der Realität keine idealtypischen «freien Märkte» gibt, die sich menschengerecht selbst regulieren; sondern auch, weil Markt und Geld eigentlich nur Mittel und nie Zweck sein sollten.
Wir können auch anders
Markt und Geld sind oft durch Gier angetrieben. Sie werden rasch zu Götzen – menschengemacht und doch als Naturgewalt verehrt, «voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken», wie es bei Marx heisst. Als Resultat gesellschaftlicher Organisationsprozesse könnten sie auch anders sein, wenn wir das bewusst wollten. Tatsächlich nimmt das Interesse an minimalistischen und postmaterialistischen Lebensstilen, die sich dem Konsumbefehl verweigern, stetig zu. Gier, so zeigt sich, ist keine anthropologische Konstante, sie unterliegt sehr wohl der menschlichen Willensfreiheit.
Der Philosoph Georg Simmel sah einen psychologischen Wahrheitskern in der Behauptung, dass «das Geld Gott unserer Zeit wäre». Das Streben nach Sicherheit durch Geld sei ein «Zutrauen in die Allmacht des höchsten Prinzips [...] wie Gott». Doch Jesu Wort vom Schätzesammeln auf Erden ist bewusst mit der Einsicht verknüpft, dass diese nie dieselbe Sicherheit bieten wie der Frieden, der nicht von dieser Welt ist. Jochen Bauer2 schreibt über Menschen, die plötzlich von einer schweren Krankheit betroffen werden: «Viele fühlen sich in einer von ihnen bisher nicht erlebten Weise von der Öde eines einseitig konsumorientierten Lebens abgestossen.»
Diese Gedanken müssen nicht eine Absage an die Marktwirtschaft bedeuten. Christen sind aber ange-
halten, eine gesellschaftliche Selbstbesinnung zu fördern, die aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herausweist. Dem Denken, das den Menschen nur als Produzenten und Konsumenten kennt und auf die menschliche Gier als Motor angewiesen ist, steht das Vertrauen auf die göttliche Kreativität gegenüber, die sich in der Beziehung der Menschen untereinander manifestiert, ohne sie zur Ware zu machen.

1 Mt 25,40
2 siehe Magazin INSIST 2/16, S. 26f

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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