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Gesellschaft

Die Gretchenfrage nach der Wahrheit 

Interview: Hanspeter Schmutz «Was ist Wahrheit?» Diese Frage diskutierte der römische Statthalter Pilatus mit Jesus Christus, der in der Bibel später als Wahrheit in Person bezeichnet wurde. Diese Frage hat die Menschheit nie losgelassen. Der ehemalige VBG-Studienleiter Felix Ruther zeigt, wie sich die Antworten im Laufe der Zeit verändert haben.

 

Magazin INSIST: Beginnen wir bei der Szene aus der Passionsgeschichte: Jesus wurde aus römischer Sicht als Aufwiegler und aus jüdischer Sicht als Gotteslästerer eingestuft. Da die Juden dies nicht tun konnten, sollte der römische Statthalter ihn deshalb zum Tod verurteilen. Vorher führte er mit ihm aber noch ein philosophisches Gespräch. Dabei stellte er u.a. die Frage: «Was ist Wahrheit1?» Pilatus war ein gebildeter Mann. Was meinte er mit Wahrheit?

Felix Ruther: Der Satz von Pilatus kann in einem doppelten Sinne verstanden werden. Einerseits kann er nach der Wahrheit eines bestimmten, einzelnen Urteils fragen. Dann ist es eine offene Frage. Dann hätte er mit seiner Frage sagen wollen, dass gerade in Prozessfragen und in religiösen Fragen die Wahrheitsfindung gar nicht so einfach sei. 

Oder es kann einfach Ausdruck seiner allgemeinen Skepsis sein. Im Sinne von: Was bedeutet schon das Wort Wahrheit? Gibt es das überhaupt: Wahrheit? Und wenn ja: Können wir die Wahrheit mit einer gewissen Sicherheit erkennen? 

 

Jesus hatte unmittelbar vorher gesagt, er sei gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Verstand Jesus unter Wahrheit dasselbe wie Pilatus?

Offensichtlich nicht. Jesus sagt ja, dass er die Wahrheit bezeuge, und er sagt nicht, dass er diese Wahrheit beweisen wolle. Sachwahrheiten kann man, wenn es gut geht, beweisen: zum Beispiel, dass 2+2 = 4 ergibt. Bei der Frage, ob der von Jesus bezeugte Gott wirklich der wahre Gott sei, kann man keinen Beweis führen. Bei dieser Form von Wahrheit – ich nenne sie personale Wahrheit – ist man bei der Wahrheitsfindung selber gefordert. Im Sinne von: Lass dich auf den von mir bezeugten Gott ein, von dem ich behaupte, dass er der wahre Gott sei, denn nur so wirst du erkennen können, ob er wirklich der wahre Gott ist oder eben nicht. Du kannst nicht aus einer Zuschauerposition heraus entscheiden, ob mein Zeugnis wahr ist oder nicht.

 

«Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme», sagt Jesus. Ein eigenartiger Satz. Was meint Jesus damit? 

Ich sehe das so: Neben der Sach- und Personalwahrheit gibt es auch eine Wahrheit für Eingeweihte, die sich von der öffentlichen Wahrheit unterscheidet. Wer nicht in unserer Familie gelebt hat, kann gewisse Ausdrücke, die wir als Familienmitglieder verwenden, nicht verstehen. Sie sind nur für Eingeweihte verständlich. Bei Jesus wird man zum Eingeweihten, wenn man zur Familie Gottes gehört, oder – anders gesagt: wenn man auf der Wellenlänge Gottes hörbereit ist.

 

Bis ins 19. Jahrhundert gab es eine absolute Wahrheit. Sie war gegeben durch die Natur oder durch Gott. In der Philosophie ging es darum, diese Wahrheit zu suchen und zu finden. Dieser vormoderne Begriff der Wahrheit wurde aufgegeben. Warum?

Die klassische Definition von Wahrheit geht u.a. auf den grossen mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin zurück. Er sagte: «Wahrheit ist die Übereinstimmung von Denken und Reden mit der Wirklichkeit.» Dabei ging Thomas von einer tiefen Harmonie zwischen dem menschlichen Geist und der Schöpfung aus. Für ihn war die Welt dem Menschen und seiner Erkenntnis zugänglich.

Heute beurteilt man unsere Erkenntnisfähigkeit und die Zuverlässigkeit unserer Erkenntnis viel skeptischer. Wir haben gelernt, wie sehr unser Wissen konstruiert ist und unsere Wahrnehmung von unseren Vorurteilen, unserer Kultur und unserer Befindlichkeit abhängig ist. 

Man bezieht heute auch die Sprache mit ein. Sie steht sozusagen zwischen dem Verstand und der Welt, die wir betrachten. Die Sprache ist immer etwas Subjektives. Damit wird die reine Objektivität, also der Anspruch, die Dinge zu erkennen, wie sie an sich sind, in Frage gestellt.

Zudem können wir gar nie alle Fakten berücksichtigen, die wir bräuchten, um eine ganz sicher wahre Aussage zu machen. Auch die Auswahl der Fakten ist von unseren Interessen, unserer Herkunft und unseren Vorurteilen – aber auch von unserem Glauben geprägt. Atheisten finden die Gräueltaten primär bei den Christen – und umgekehrt.

Wir sind heute, wenn wir philosophisch sauber nachdenken, sehr vorsichtig, wenn wir von absoluter Wahrheit reden wollen. Und das mit Recht. 

 

In der Moderne – also ab dem 19. Jahrhundert bis etwa vor 50 Jahren – sagte man: Es gibt Wahrheit, letztlich nur eine Wahrheit, aber man muss darüber streiten, was diese Wahrheit ist. Wo liegt der Unterschied zum alten, vormodernen Wahrheitsbegriff? Darüber durfte man ja auch streiten.

Ja, man durfte schon damals streiten, aber nur solange, bis die Autorität – meist die Kirche oder der König – dann sagte, was Sache ist. 

Zum modernen Wahrheitsverständnis gehört es, dass man der Überzeugung ist, die Wahrheit lasse sich nicht so leicht finden. Daher müsse man alles mal hinterfragen, untersuchen, überprüfen und auch mit anderen diskutieren. Plakativ gesagt: In der prämodernen Welt wird die Wahrheit per Dekret verordnet, in der Moderne nähert man sich durch Diskussion der Wahrheit an.

 

Heute würde man sagen: Objektive Wahrheit gibt es höchstens im Rahmen der Naturgesetze. Alles andere ist eine Konstruktion. Wahrheit wird nicht gefunden, sie wird – von uns – erfunden. Wenn wir aber nur noch über eigene Erfindungen austauschen können, müssten wir doch eigentlich den Begriff «Wahrheit» aufgeben. Er spiegelt uns etwas vor, das es gar nicht gibt.

Zumindest meint dann der Begriff Wahrheit nicht mehr das, was man meist darunter verstanden hat – die Übereinstimmung von Aussage und Sache. 

Es gab aber auch schon früher andere Wahrheitskonzepte. Zum Beispiel wurde schon länger diskutiert, ob ein System von Sätzen nicht dann schon als wahr bezeichnet werden kann, wenn zwischen diesen Sätzen kein innerer Widerspruch besteht2.

Noch verbreiteter ist aber die Konsenstheorie der Wahrheit. Nach ihr wäre die Wahrheit der Aussage «Gott existiert» nichts anderes als die Gewissheit, dass viele, alle oder wenigstens zwei Menschen darin übereinstimmen, dass Gott existiert. Aber wurde dadurch, dass viele Nazis glaubten, die Juden seien Untermenschen, ihr Urteil wahr? Übereinstimmung – oder eben Konsens – kann es auch im Irrtum geben. 

 

Damit sind wir eigentlich mitten in der Postmoderne. Es gibt zwar noch Wahrheiten, aber nicht mehr die eine, sondern viele Wahrheiten. Es hat deshalb keinen Zweck mehr, um Wahrheiten zu streiten. Das ist doch ein schönes, friedliches Konzept. Was kann man gegen einen solchen Wahrheitsbegriff haben? 

Dass das ein friedliches Konzept ist, stimmt einerseits wirklich. Wie viele Menschen wurden schon geopfert, weil man meinte, man müsse sie von der einen Wahrheit überzeugen: sei es im Christentum, im Kommunismus von Stalin und Mao oder heute im Namen Allahs. Es gibt denn auch Autoren, die meinen, die Welt wäre viel friedlicher, wenn es keine Religionen gäbe. Aus Angst vor Zusammenstössen der verschiedenen Wahrheitsansprüche propagieren einige den Säkularismus – eine Welt ohne Gott. Das hilft aber nicht, denn der Säkularismus ist nur eine weitere Sicht auf das Leben, die eben auch nicht über den Streitereien steht sondern daran teilnimmt. Zudem hat ja auch der Säkularismus, wenn es um Gewalt geht, keine unbelastetere Vergangenheit als die Religionen. 

Das Problem ist eben nicht die Wahrheit, die man meint gefunden zu haben. Das Problem liegt im Machtanspruch, den man damit verbindet, und die Tendenz, andere Meinungen zu verbieten. Mit diesem Machtanspruch wird jede Wahrheit – auch die Beste – problematisch.

Ich wende mich gegen den postmodernen Wahrheitsbegriff, weil er keinen Widerstand gegen das Böse mehr aufbringen kann. Wenn jeder seine eigene Wahrheit haben kann, dann hatte Hitler eben die seine. Was gibt es da noch zu kritisieren?

Die Vorstellung, dass jeder seine eigene Wahrheit habe, wurde ihrerseits zur absoluten Wahrheit erhoben. Wehe dem, der für eine allgemeingültige Wahrheit eintritt. Er wird als Fundamentalist oder intoleranter Besserwisser abgestempelt. Auch im Namen des postmodernen Wahrheitsverständnisses wird wieder Macht ausgeübt und Unfreiheit gefördert. 

 

Wir leben im Zeitalter der «Fake News» – der falschen Wahrheiten. Gibt es in der Bibel «Fake News»? 

Nein. Fake-News sind bewusste Irreführungen, um etwas zu erreichen. Das gibt es in der Bibel nicht.

Wenn in der Bibel steht, dass die Sonne sich um die Erde drehe, dann ist das keine Fake News. Die Aussage ist zwar aus naturwissenschaftlicher Sicht falsch. Sie ist aber sicher keine bewusste Irreführung, sondern beschreibt einfach, was man wahrnimmt, wenn man, ohne naturwissenschaftlich zu denken, den Himmel betrachtet.

 

Wir sagen heute gerne: «Aus meiner Sicht ist das so und so. Ich verstehe die Bibel so und so.» Auch wenn wir über christliche Wahrheiten reden. Ist das fromme Bescheidenheit – oder haben wir damit den Glauben an die Wahrheit aufgegeben?

Man müsste in jeder einzelnen Situation genau hinsehen, ob das nun Bescheidenheit oder Preisgabe der Wahrheitsvorstellung ist. Aber allgemein ist doch festzuhalten, dass nur Gott im Besitz der vollen Wahrheit ist. Die Erkenntnis der Wahrheit steht unter einem eschatologischen Vorbehalt: Vor der endgültigen Offenbarung Gottes ist unsere Erkenntnis der Wahrheit immer nur vorläufig und Stückwerk3

Biblisch gedacht ist die Erkenntnis der Wahrheit auch ein Geschehen, das im Unterwegssein in der Gemeinschaft des Leibes Christi – der Kirche – geschieht. Was wir von Gott erkennen, erschliesst sich im persönlichen Hören auf den Geist und die Worte Gottes in der Bibel – aber auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der Bibel und mit den Glaubens-Geschwistern, die vor uns gelebt haben bzw. heute mit uns unterwegs sind. 

Auch der Apostel Paulus betont4, dass man Wahrheitsansprüche kritisch prüfen und beurteilen muss – gerade auch dann, wenn sie als prophetische Eindrücke einen göttlichen Ursprung beanspruchen. 

Wenn wir sagen «Aus meiner Sicht ist das so», sind wir viel weniger in der Gefahr, mit unserem Glauben übergiffig zu werden und anderen etwas aufzwingen zu wollen.

 

Der Apostel Paulus spricht davon, dass in keinem andern Namen Heil ist – ausser in Christus5. Ist das eine typische vormoderne Aussage – oder ist diese Einstufung zeitlos gültig?

Ob sie gültig ist, kann ich nicht beweisen – nur bezeugen. Und auch das nur, wenn ich damit gelebt habe.

Ich glaube aber, dass hier die Unterscheidung zwischen vormodern, modern und postmodern nicht hilfreich ist. Denn es ist doch so: Jeder, der etwas behauptet, beansprucht für seine Aussage Wahrheit. Er geht davon aus, dass seine Aussage gültig ist – sonst müsste er gar nichts sagen. Wenn jemand im postmodernen Sinn sagt, dass es viele Wahrheiten gebe, dann beansprucht auch er für seine Aussage Gültigkeit. Und zwar nicht nur im Moment. Sie ist also auch mehr oder weniger zeitlos. Das ist bei Paulus nicht anders. 

Es kommt aber auch noch eine andere Seite ins Spiel: Jene Person, an die dieser Satz gerichtet ist. Vertraut sie dem, der den Satz sagt? Glaubt sie, dass dies ein wahrer Satz ist? Und dann kommt noch etwas Weiteres hinzu. Ich kann zwar glauben, dass etwas wahr ist. Die Frage ist aber, ob ich auf diese Wahrheit baue – also die Konsequenzen für mein Leben aus dem gehörten Satz ziehe. Erst dann kann ich selber bezeugen, dass dieser Satz wahr ist.

 

Die frühen Christen konnten nicht «Heil Cäsar» sagen und neben Jesus einen weiteren Herrn akzeptieren. Sie gingen für diesen Wahrheitsanspruch nicht selten sogar in den Tod. Und folgten damit ihrem Herrn. Hätten sie nicht einfach in ihrem Herzen Jesus als Herrn anbeten und äusserlich den Cäsar als Herrn anerkennen können? Religion ist doch letztlich etwas Privates!

Nein, Religion ist nichts Privates. Der Anspruch, dass Jesus der Herr ist, betrifft die ganze Welt und nicht nur mein Inneres oder nur die Kirche. Das christliche Bekenntnis zu diesem einen Herrn ist also alles andere als harmlos, weil es so viele andere Herren gibt, die ihre Macht nicht kampflos abgeben wollen.

Gleichzeitig glaube ich aber nicht, dass alle zum Martyrium berufen sind. Der Apostel Petrus hat Jesus dreimal verleugnet. Trotzdem wurde er von Jesus als Hirte für die Herde Jesu eingesetzt6.

 

Noch nie wurden die Christen so stark verfolgt wie heute: am stärksten von den Islamisten, aber auch von nationalistischen Hindus in Indien oder im atheistischen Nordkorea. Wäre da nicht das postmoderne «Es gibt viele Wahrheiten» eine Lösung, um Frieden zu schaffen? 

Ja und Nein. Ich habe schon erwähnt, dass das postmoderne Wahrheitsverständnis keine oder nur eine schwache Widerstandskraft gegen das Böse aufbringen kann. Wenn alles gleich wahr ist, dann könnte es auch mal recht sein, andere zu töten. Es gibt eben Dinge, die immer falsch bleiben müssen. Das würde wohl jeder Mensch zugeben – wenn auch an unterschiedlichen Punkten. Am Problem der Verfolgung sehen wir, dass die Wahrheit immer mit der Liebe gepaart sein muss, sonst sind wir in der Gefahr, übergriffig oder gar gewalttätig gegen Menschen zu werden, die unsere Wahrheitserkenntnis nicht teilen.

 

Wie können Christen Jesus als die personifizierte Wahrheit vertreten, ohne intolerant zu sein?

Indem sie in Liebe an der Wahrheit festhalten, nicht übergriffig werden und die anderen respektieren, auch wenn die sich aus christlicher Sicht irren mögen. 

Beim Toleranzbegriff müsste man gerade heute klar sagen, was Toleranz ist und was eben nicht. Es ist überhaupt nicht tolerant, das postmoderne Wahrheitsverständnis anderen überzustülpen und zu verlangen, dass es als einziger Zugang zur Wirklichkeit anerkannt wird. Toleranz beginnt doch gerade dort, wo verschiedene Ansichten miteinander konkurrieren und man den anderen ertragen muss, gerade weil er anderer Meinung ist.

 

Auch wenn Christen überzeugt sind, dass es im Bereich des Heils nur eine Wahrheit gibt, nämlich Jesus Christus, leben sie oft in einer Umgebung, die diese Haltung nicht akzeptiert, ja sogar als etwas Gefährliches einstuft. Ist die Frage nach der Wahrheit möglicherweise der falsche Weg, um den postmodernen Menschen mit dem Evangelium von Jesus Christus zu erreichen?

Vermutlich ja. Die Kirche in der Postmoderne sollte sich selber, ihre absoluten Wahrheiten und ihre klaren ethischen Orientierungen an die zweite Stelle setzen und sich zuerst auf die verlorene, unübersichtliche, nicht mehr zu begreifende Lage der Menschen in den verschiedenen Lebenswelten einlassen. Die Kirche sollte nicht Gemeindemitglieder sammeln oder Menschen zum Objekt ihrer Mission machen. Sie sollte sich nicht als Gegenüber aufplustern: «Hier sind wir, wir haben die Wahrheit. Da seid ihr, wir sagen euch die Wahrheit.» Sie sollte einfach bei den Menschen sein.

 

Hintergrund dieses Interviews war der Zoom-Talk bei
Radio LifeChannel vom 12.7.17, www.lifechannel.ch 


1  Joh 18,38

2  Kohärenztheorie (etwa in der Mathematik)

3  1 Kor 13,9.13

4  1 Kor 14

5  Phil 2,5-11

6  Joh 21,15

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