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Theologie

Die Wahrheit über Jesus 

Martin Forster Die Frage nach der Wahrheit mag heutige Menschen kaum noch umtreiben. In der Bibel wird sie aber immer wieder gestellt. Der Theologe und Dozent Martin Forster zeigt anhand der Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat (Bild), was die Bibel unter Wahrheit versteht.

 

«Was ist Wahrheit?» Diese Frage stellt der römische Statthalter Pontius Pilatus dem angeklagten Galiläer Jesus1. Der Prediger aus der Provinz steht vor dem Repräsentanten der damaligen Weltmacht. Das Machtgefälle zwischen den beiden Männern könnte nicht grösser sein. Jesus gibt dem Römer auf diese rhetorische Frage keine direkte Antwort. Umso mehr sagt Jesus über sich aber
bei den vorhergehenden Verhandlungen vor dem Hohen Rat.

 

Wir können unterschiedlich nach der Wahrheit fragen

In Demokratien liegt die Wahrheit bei der Mehrheit. Wenn das Schweizer Volk entschieden hat, gehen die Politiker davon aus, dass dieser Entscheid richtig ist. Die Mehrheit der Minderheit, die an die Urne gegangen ist, hat – zumindest im Moment – Recht. Volksentscheide werden zwar manchmal auch in Frage gestellt. Hin und wieder kann man sich mit Fug und Recht fragen, wie gut ein gefällter Volksentscheid ist. In gewissen Ländern wurden Präsidenten demokratisch gewählt und anschliessend von der Gegenpartei wieder gestürzt. Ist diese Mehrheitsregel ein zuverlässiges Wahrheitskriterium? Mit der Mehrheit muss auch die Macht verbunden sein, sonst kann sie sich nicht durchsetzen. 

Ein zweites Kriterium für die Wahrheitssuche wird in den Wissenschaften angewendet. In den Naturwissenschaften will man die Wahrheit mit leistungsfähigen Apparaten und Experimenten herausfinden. Der überwältigende Erfolg der Wissenschaften scheint dieser Methode Recht zu geben. Wir können das Weltall erobern, Krankheiten heilen und höchst präzise Raketen bauen. Sind die Naturwissenschaften in den letzten zweihundert Jahren der Wahrheit dadurch näher gekommen? 

Die Wissenschaft kommt immer nur zu vorläufigen Ergebnissen, die später wieder falsifiziert werden können. 

Unser Rechtssystem dient dazu, einzelnen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Vor Gericht wird versucht, die Wahrheit herauszufinden. Dabei soll der Ablauf einer Tat wahrheitsgetreu rekonstruiert werden. Wahrheit wird hier als Übereinstimmung mit den Tatsachen verstanden. Das ist eine klassische Definition von Wahrheit. 

Auch an die Bibel können wir mit dieser Frage herangehen: «Wie war es wirklich?» Diese Frage führt zu gründlichen historischen Untersuchungen. Mit dieser Fragestellung soll an dieser Stelle eine neutestamentliche Geschichte gelesen werden, nämlich das Verhör von Jesus durch die jüdischen Behörden2. Hier wird theologisch nach der Wahrheit über Jesus gesucht. Im Verlauf der Untersuchung werden wir verschiedene Wahrheiten entdecken. Und letztlich selber vor die Wahrheitsfrage gestellt werden. 

 

Jesus vor dem Hohen Gericht

Das Rechtsverfahren

Jesus wurde im Garten Gethsemane verhaftet und vor die jüdischen Behörden geführt. Auch wenn wir hier den Bericht eines antiken Prozesses verfolgen, lässt sich sagen, dass schon damals keine Willkür herrschte. Das Alte Testament und darauf aufbauend die jüdische Rechtssprechung kannten eine Prozessordnung. Gewisse Vorgehensweisen mussten eingehalten werden. Es gab eine Behörde, die Rechtsfälle beurteilen durfte. Zur neutestamentlichen Zeit war es das Synhedrium. Es bestand wahrscheinlich aus 71 Mitgliedern. Darin waren die Hohepriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten vertreten. Diesen anerkannten Männern sollte es um nichts als die Wahrheit gehen. Wie überall, wo Menschen Ämter versehen, wird es aber auch bei diesen Richtern beim Beurteilen von Jesus unterschiedliche Motive gegeben haben. 

Dieses Gremium hatte aber nicht eine unbeschränkte Rechtshoheit. Den Römern als Besatzungsmacht war die Kapitalgerichtsbarkeit vorbehalten. Nur sie konnten Todesurteile fällen und vollstrecken. Die Römer überliessen den Juden viele Rechtsfälle. Die jüdischen Richter mussten in diesem Fall die folgende Frage beantworten: «Wer ist dieser Jesus, und was führt er im Schilde?» Bei einem jüdischen Prozess brauchte man Zeugen: nach alttestamentlichem Recht mindestens zwei3. Die Zeugen mussten zuverlässig sein. Falsche Zeugenaussagen wurden unter Strafe gestellt4. Die Rahmenbedingungen für einen fairen Prozess, bei dem die Wahrheit ermittelt werden konnte, waren also gegeben.

Die Zeugen

Wie sah das Rechtssystem nun in der Praxis aus? Die jüdischen Behörden liessen Zeugen auftreten, die gegen Jesus aussagten. Markus sagt ausdrücklich, dass es falsche Zeugen waren5. Hier zeigt sich ein grosses Problem. Zeugen können bei der Wahrheitssuche helfen. Falsche Zeugen legen allerdings nicht für die Wahrheit Zeugnis ab, sondern für ihre Geldgeber oder für ihre Gesinnungsgenossen. Nach jüdischem Recht mussten Zeugen ins Kreuzverhör genommen werden, um herauszufinden, ob sie die Wahrheit sagten. Die jüdischen Richter machten keine Anstalten, ihre Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen. Allerdings wurde bald klar, dass die Zeugnisse nicht übereinstimmten und deshalb unbrauchbar waren. Die Zeugen sagten aus, Jesus habe sich gegen den Tempel geäussert6. Jesus hatte sich tatsächlich mehrfach kritisch gegen den Jerusalemer Tempel geäussert7. Ein Körnchen Wahrheit steckte also auch in der Aussage der falschen Zeugen. 

 

Das Geständnis

Mit Hilfe der Zeugen kamen die Richter nicht weiter. Man brauchte deshalb ein Geständnis. Dann hätte man einen Grund für eine rechtmässige Anklage gehabt. Der Hohepriester wandte sich deshalb direkt an Jesus. Er fragte Jesus, ob er der Christus, der Sohn Gottes, sei8. Auf diese Frage antwortete Jesus mit Ja. Das war ein entscheidender Punkt in diesem Prozess. Die jüdischen Behörden warfen Jesus keinen Mord oder Diebstahl vor. Es ging hier um etwas viel Subtileres. Politische und religiöse Motive trafen bei dieser Frage aufeinander. Die jüdischen Behörden lebten mit den römischen Besatzern in einem labilen Gleichgewicht. Mit einer geschickten Strategie hatten sich die jüdischen Führer einen letzten Rest von Autonomie gesichert. Sie konnten ihr Leben nach jüdischen Vorschriften gestalten. Dieses labile Gleichgewicht blieb nur solange bestehen, als die römischen Interessen nicht bedroht wurden. Einen Unruhestifter konnte das Synhedrium nicht gebrauchen. 

In den letzten Jahrhunderten war in der jüdischen Gemeinde die Hoffnung auf einen Messias gewachsen. Über diesen Messias gab es verschiedene Vorstellungen, die auf unterschiedlichen Stellen aus dem Alten Testament beruhten. Viele Vorstellungen waren mit der Hoffnung auf einen davidischen König verbunden, der den Juden wieder Freiheit verschaffen würde. Die jüdischen Richter waren deshalb in einer hochexplosiven Situation. Sie konnten mit den Römern ganz gut leben, auch wenn dies Unfreiheit bedeutete. Gleichzeitig lebte die Hoffnung auf einen Befreier, der das Joch der Römer zerbrechen würde. Wer also war nun dieser Jesus? War er einer der vielen Rebellen, die vorgaben, der Messias zu sein? Wenn er ein falscher Messias war, musste er möglichst schnell aus dem Weg geräumt werden. Die Lehre Jesu hatte die jüdischen Schriftgelehrten immer wieder vor den Kopf ge-stossen. 

Und nun sagte Jesus, er sei der Messias. Sollten sich die jüdischen Richter auf ein Wagnis mit diesem unbequemen Messias einlassen? Jesus bekannte sich nicht nur zu seiner Messianität, er sagte auch, welche Art von Messias er war. Jesus beantwortete die Frage des Hohenpriesters so: «Ich bin es, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels9.» In dieser Antwort Jesu lag für die jüdischen Hörer Vertrautes und Befremdliches. Jesus sprach von einem Menschensohn, das war im Judentum kein geläufiger Messiastitel. Jesus sagte etwas über die Zukunft dieses Menschensohns. Er würde zur Rechten Gottes sitzen und wiederkommen. In seiner Antwort spielte Jesus auf zwei alttestamentliche Stellen an10. Diese Stellen waren den jüdischen Schriftgelehrten vertraut. Jesus sagte nichts über die Befreiung von den Römern und die Wiederaufrichtung des davidischen Königreiches. Jesus stand als Gefangener vor den jüdischen Richtern und formulierte trotzdem einen unerhörten Machtanspruch. Er machte sich in Tat und Wahrheit Gott gleich. Das passte doch nicht zusammen? Jesus erhob diese Ansprüche ohne jede sichtbare Macht. Konnte das in Wahrheit der Messias sein? Im Verhör hat man nicht den Eindruck, dass der Hohepriester und seine Kollegen sich auf die Antwort Jesu einlassen. Sie rechnen nicht mit der Möglichkeit, dass Gott in diesem Jesus, der vor ihnen steht, wirkt. Ihre Wahrheit ist die brüchige Koexistenz mit den Römern, die ihr Leben sichert. Was aber ist die wirkliche Wahrheit? 

 

Das Urteil

Das Geständnis von Jesus reichte für eine Verurteilung. Die Richter hatten die Wahrheit herausgefunden. Der Hohepriester stellte seinen Kollegen die rhetorische Frage: «Was meint ihr?» Der Hohepriester beurteilte
das, was Jesus sagte, als Lästerung Gottes. Darauf stand nach alttestamentlichem Recht die Todesstrafe11. Darin waren sich alle Anwesenden einig. Weniger klar war, was genau mit Lästerung gemeint war. In späterer Zeit gehörte dazu nur die missbräuchliche Nennung des Got-tesnamens. Zur Zeit dieser Verhandlung war der Straftatbestand aber wei-ter gefasst. Eine absichtliche böse Handlung oder die Lästerung der mosaischen Gesetze konnten auch als Lästerung eingestuft werden. Hatte Jesus diesen Straftatbestand erfüllt? In den Augen des Synhedriums hatte Jesus für sich einen Anspruch erhoben, der nur Gott zustand. Der Angeklagte und gefangene Messias war ganz offensichtlich ein Mensch und nicht Gott. Der Anspruch Jesu und die machtlose Lage Jesu standen in einem schreienden Widerspruch. 

Die jüdischen Richter fällten das Todesurteil über Jesus. Das war kein faires Urteil. Es scheint, dass die Richter schon vorher wussten, was sie mit Jesus tun wollten. Sie mussten dieses Urteil nun noch dem römischen Statthalter «verkaufen». 

Zeigt dieses Urteil die Wahrheit über Jesus? Ein jüdischer Wanderprediger wird von seinen Glaubensgenossen zum Tod verurteilt. Mit dem Todesurteil wird nicht ein Schlussstrich unter die Geschichte Jesu gezogen, sondern ein Ausrufezeichen gesetzt. Jesus hatte nicht nur mit seinem Tod gerechnet, er sah darin auch einen wesentlichen Bestandteil seines Dienstes12. Der stellvertretende Tod Jesu am Kreuz gehört zum Grundbestand des urchristlichen Glaubens13. Diese Dimension fehlte im Messiasverständnis der jüdischen Richter. Sie widerspricht auch der menschlichen Logik. Was aber ist nun die Wahrheit in dieser Sache? Ist es das parteiische Urteil des Synhedriums? Ist es der Anspruch Jesu? Ist es der schmachvolle Tod Jesu am Kreuz?  

Was ist die Wahrheit?

In diesem Prozess trafen unterschiedliche Wahrheiten aufeinander. Das Synhedrium hatte seine Wahrheit. Jesus vertrat eine andere Wahrheit. Diese Wahrheiten standen einander unversöhnlich gegenüber. Wenn wir die Texte lesen und bedenken, bilden wir dabei unsere Wahrheit. Durch sorgfältige Lektüre können wir die unterschiedlichen Absichten der Parteien bei diesem Prozess erkennen. Es gibt offensichtlich mehr als eine Wahrheit. Gibt es einen Weg, aus diesem Dilemma herauszukommen? Die Evangelien laden dazu ein, uns auf die Wahrheit Jesu einzulassen. Für den Theologen Joachim Jeremias gilt das ganz generell. Er sagt: «Wenn wir mit aller Zucht und Gewissenhaftigkeit die kritischen Mittel nützen, die uns an die Hand gegeben sind, stossen wir beim Bemühen um den historischen Jesus immer wieder auf ein Letztes: Wir werden vor Gott selbst gestellt14

In diesem Geschehen werden wir mit der Wahrheit Gottes konfrontiert. Hinter Jesus steht Gott selbst. Das wird hörbar als himmlische Stimme bei seiner Taufe15 und bei seiner Verklärung16. Die Frage an uns ist, ob wir uns auf diese Wahrheit Gottes einlassen wollen. Die Wahrheitsfrage ist gestellt. In der Begegnung mit der Bibel stellt sie sich uns ganz existenziell. Wir können die Antwort nicht als neutrale Beobachter geben, sondern müssen die Konfrontation mit der göttlichen Wahrheit in Jesus wagen. 

Der Anspruch Jesu

In seiner Abschiedsrede sagt Jesus: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich17.» Das ist eine erstaunliche Aussage. Jesus sagt nicht, dass er die Wahrheit wisse, sondern dass er sie verkörpere. Welches Wahrheitsverständnis liegt dieser Aussage zugrunde? Für Jesus ist die Wahrheit keine abstrakte Grösse – sie wird in ihm real. Hinter dieser Aussage Jesu steht ein auf den ersten Blick befremdliches Verständnis von Wahrheit. Nach unserem Verständnis kann man die Wahrheit sagen. Dieses Verständnis findet sich auch im Johannesevangelium18. Die Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit bestimmten Tatsachen. Hier liegt aber ein anderes Verständnis vor.

Woher stammt dieses für uns befremdliche Verständnis der Wahrheit? Ein Blick in das Alte Testament kann hier weiterhelfen. Für den Begriff «Wahrheit» kennt das Alte Testament zwei verschiedene hebräische Ausdrücke. Beide lassen sich vom Verb «treu sein» ableiten. Im Psalm 25 heisst es: «Alle Pfade des HERRN sind Gnade und Treue denen, die seinen Bund und seine Gesetze halten19.» Hinter dem Wort «Treue» steckt der hebräische Ausdruck «Ämät». Wahrheit ist hier und in vielen anderen Stellen im Alten Testament eine Eigenschaft Gottes20. Hier ist «Wahrheit» nicht die Übereinstimmung mit einem bestimmten Tatbestand, sondern ein Charakterzug Gottes. 

Wie sieht dieser Charakterzug aus? Gott steht in einer Beziehung zum Menschen. In dieser Beziehung zeigt Gott seine Treue und Zuverlässigkeit. Das ist die Wahrheit Gottes. Diese Eigenschaft sucht Gott auch bei den Menschen21. Auch sie sollen treu sein. Der Theologe Hans-Georg Link fasst das alttestamentliche Wahrheitsverständnis so zusammen: «Nach alttestamentlichem Verständnis ist Wahrheit kein ontologischer, sondern ein Relationsbegriff22.» Wahrheit besagt nicht, wie etwas an und für sich ist, sie drückt das Zuverlässigsein aus. Im alttestamentlichen Wahrheitsbegriff geht es um die Beziehung. In der Beziehung zu Israel ist Gott zuverlässig. Jesus ist zuverlässig in seinem Dienst für den Menschen. Auch wir können diese Treue erleben. Wenn Jesus sagt, dass er die Wahrheit sei, dann bedeutet das, dass er zuverlässig und treu ist. Er ist wie Gott treu in seiner Beziehung zu den Menschen. Wir können die Aussage Jesu auch so formulieren: «Du kannst dich auf mich verlassen.»

 

1  Joh 18,38

2  Mk 14,53-65

3  5 Mose 17,6; 19,15

4  2 Mose 20,16; 5 Mose 19,16-20

5  Mk 14,56

6  Mk 14,58

7  Mk 11,15-19; Mk 13,2; Joh 2,19; Apg 6,14

8  Mk 14,61

9  Mk 14,62

10  Ps 110,1 und Dan 7,13

11  3 Mose 24,16

12  u.a. Mk 8,31; 10,45; 14,22-25

13  1 Kor 15,3

14  Joachim Jeremias, Jesus und seine Botschaft, Calwer Verlag, 

Stuttgart, 1982, S. 17

15  Mk 1,11

16  Mk 9,7

17  Joh 14,6

18  Joh 8,40.45.46;16,7

19  Ps 25,10

20  Ps 40,11

21  Hos 4,1

22  Hans-Georg Link, Wahrheit/Lüge, TBLNT, Band 2, S. 1839

 

Martin Forster, VDM,  Theologe und Dozent mam.forster@STOP-SPAM.bluewin.ch 

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